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“Follow the Money” bei Big Tech-Firmen

Männer treffen sich in einem Parkhaus. Schatten liegen auf den Gesichtern. «Follow the Money», sagt Deep Throat. «Folgen Sie den Spuren des Geldes.» Der US-amerikanische Drehbuchautor William Goldman erfand den berühmten Satz für den Film «All the President’s Men» über den politischen Kriminalfall Watergate. «Follow the Money» ist eine Anweisung der Quelle Deep Throat an Carl Berstein und Bob Woodward, Reporter der «Washington Post», gespielt von Dustin Hofman und Robert Redford. Der Satz ist bis heute ein Aphorismus für die Recherchearbeit von Journalistinnen; Geld kann Spuren hinterlassen.

In Fragmenten aus zweien meiner Recherchen geht es um Macht und soziale Ungleichheit, um Geld, Gier und Geopolitik, es geht um Missstände in Technologiekonzernen, die ich aufgedeckt habe, weil auch ich mir das Prinzip «Follow the Money» zu Nutze gemacht habe.

Uber: die Steuervermeidungsindustrie und Recherchen in Handelsregistern weltweit

Es begann mit einem Beleg im Herbst 2016. Ich bezahlte meine Uber-Fahrt mit meiner Kreditkarte, Uber buchte den Fahrtpreis ab, ich hatte die Rechnung in meinem E-Mail-Postfach. Allerdings las ich da nicht Uber Schweiz, sondern: Uber B.V. Die zwei Buchstaben gaben mir einen ersten Hinweis, die Firma könnte in den Niederlanden registriert sein. Dort, im Handelsregister, fand ich Uber B.V. Und noch mehr Unterlagen. Über Wochen recherchierte ich für den «Beobachter» in den Handelsregistern in der Schweiz, in den Niederlanden, auf den Bermudas, in den USA und fand heraus: Uber B. V. transferierte fast die gesamten Einnahmen als Lizenzgebühren an Uber International C. V. Diese Firma war eine «doppelt ansässige» Firma, so heisst im Fachjargon von Steuerberatern, die nach niederländischem Recht gegründet wurde, ihren Hauptsitz aber auf den Bermudas hatte. Im britischen Überseegebiet fallen keine Körperschaftssteuern an.

Experten bezeichnen Ubers Trick zur Steuervermeidung als «Double Dutch», als doppelten Holländer. Uber konnte über das Geflecht aus Firmen Einkünfte nahezu steuerfrei aus Europa herausschleusen und in der Steueroase bunkern. Der US-amerikanische Steuerbehörde wiederum konnte nur zugreifen, falls die Gewinne an die Muttergesellschaft Uber Technologies Inc. in San Francisco ausgeschüttet wurden.

Was kompliziert klingt, war für Uber sehr einträglich, für die Schweiz kaum. Nachgefragt beim zuständigen Steueramt: Für das Steuerjahr 2014 deklarierte die Uber Switzerland GmbH 35’900 Franken Reingewinn sowie 70’000 Franken Kapital. Gemäss dem Steuerrechner der Stadt Zürich heisst das: eine Steuerschuld von 9747.75 Franken.

Der Kern ist simpel: Wo Geld fehlt, kann nicht in Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung investiert werden. «Steuervermeidung verhindert eine gerechtere Verteilung von Ressourcen, ohne die soziale Ungleichheit nicht bekämpft werden kann», schreibt die Nichtregierungsorganisation Oxfam.

Uber wollte sich im November 2016 dazu nicht äussern.

Ähnlich arbeiteten auch andere Tech-Unternehmen: Amazon, Apple, Facebook. Und, klar, Google. Über das «Double Irish with a Dutch Sandwich» verschob Google 2012 fast neun Milliarden Euro an Lizenzeinnahmen über Irland und die Niederlande auch auf die Bermudas. Wie Uber, um Steuern zu vermeiden. «Ich bin sehr stolz auf die Struktur, die wir geschaffen haben», sagte Eric Schmidt im selben Jahr, gefragt nach dem Steuerregime seines Unternehmens. «Das nennt man Kapitalismus.»

Oder: Steuervermeidung für Profis.

Huawei: über Geld, Gier und Geopolitik in Gerichtsakten

Irgendwann 2019 meldete sich ein ehemaliger Mitarbeiter von Huawei in der Schweiz am Telefon. Er wolle mir von Missständen im Technologieunternehmen berichten. Gemeinsam mit anderen Reporterinnen interviewte ich über das Whistleblowing-Netzwerk «The Signals Network» ehemalige Mitarbeiterinnen von Huawei in der Schweiz, Deutschland und Österreich, in Grossbritannien und Spanien. Sie wollten nicht über Politik reden. Sie wollten mit mir «nicht über die Proteste in Hongkong oder den Handels­krieg mit den USA, nicht über die Umerziehungs­lager in Xinjiang im Nordwesten Chinas, nicht über das landesweite Sozialkreditsystem» reden, wie ich mir damals in meinen Reporterblock schrieb. Sie wollten von ihren Arbeitsbedingungen bei Huawei berichten.

Die Mitarbeiter, die auspackten, gehörten zu «Elitetruppen von Huawei, einer der wichtigsten Armeen, die für China den Krieg um die technologische Vorherrschaft gewinnen sollen». Sie empfinden diese Rhetorik als kriegerisch? Sie stammt von Huawei selbst.

Gemeinsam mit Reporterinnen des «Telegraph», von «El Mundo» und «Netzpolitik.org» prüfte ich für die «Republik» über Monate firmeninterne E-Mails, Handbücher und Systeme zur Arbeitszeit­erfassung, las Jahresberichte, sichtete Video- und Audio­aufnahmen, wälzte Akten zu arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen vor europäischen Gerichten, um zu verstehen, wie der chinesische Konzern tickt. Das Ergebnis der grenzüberschreitenden Recherchen ist «ein seltener Einblick in eine Arbeitswelt, in der geopolitische Ziele über allem stehen». Aber auch wie sehr die Mitarbeiter unter Druck gesetzt wurden – und mit welchen Methoden: Es geht um Diskriminierung, Überwachung und, ja, auch Geldforderungen, die Huawei stellt. Eben: «Follow the Money».

Eine Quelle erklärte mir, wie die Löhne, die Huawei in der Schweiz chinesischen Mitarbeitern auszahlt, im Nachhinein korrigiert wurden. Der junge Mann zeigte mir E-Mails, um seine Aussagen zu belegen. Huawei argumentierte darin mit Gehalts­unterschieden zwischen China und der Schweiz, mit Steuern und Sozial­abgaben. Die Nachricht an ihn, er solle umgerechnet 60’000 Franken an seinen ehemaligen Arbeiter zahlen. Und dann, diese eine Folie einer Präsentation, die Huawei im Intranet veröffentlicht hatte. Sie war als «vertraulich» eingestuft und listete die Top-10-Länder auf, in denen chinesische Expats Huawei Geld schulden. Ganz vorne: die Schweiz.

Ich wollte wissen: Ist diese Praxis illegal? Ist sie bekannt? Die Arbeits­inspektorate in Bern und Zürich, wo Huawei Büros hat, durften keine Auskunft geben, sie verwiesen auf den Datenschutz.

Auch Huawei wollte sich im Winter 2020 dazu nicht äussern.

Die Spur des Geldes in dieser Recherche, für mich endete sie damit.

Die ehemaligen Mitarbeiterinnen von Huawei, die mit mir und anderen Reporterinnen der Recherchekollaboration sprachen, gewährten uns einen seltenen Einblick in ihre Arbeitswelt in einem rigoros abgeschirmten Technologiekonzern, in der geopolitische Ziele über allem stehen.

Hack the System – öffentliche Beschaffungen verstehen

Egal, ob medizinische Masken oder F-35, IT für die Steuerverwaltung oder Server Space für Bundesbehörden: Ausschreibung, Zuschlag, Dokumentation sollen den Ablauf öffentlicher Beschaffungen klar, nachvollziehbar, verständlich (sic!) regeln. Und doch enden solche im Debakel, als Skandal, als Schlagzeile: es geht um Misswirtschaft und Budgetprobleme, es folgen parlamentarische Untersuchungen, Anklagen wegen Bestechung und dann stehen Daten des Nachrichtendienstes im Netz, die nicht dorthin gehören, jetzt aber dort abrufbar sind. Und immer geht es auch ums Geld.

Dazu mehr in der nächsten Kolumne, spätestens im Oktober, an dieser Stelle.

Von Vertrauen und Treffen an sicheren Orten

Ja, Geld kann Spuren hinterlassen. Mal sind es Kontoauszüge, die Finanztransaktionen belegen; es können Pläne von Katasterämtern sein; interne Memos und Protokolle von Verwaltungsratssitzungen; oder Kurznachrichten, ausgetauscht über Bloomberg-Terminals; Dokumente einer Behörde, die als «vertraulich» oder «Geheimsache» eingestuft sind. Um die Bedeutung solcher Unterlagen zu verstehen, die die Spuren des Geldes dokumentieren, bin ich darauf angewiesen, dass Quellen ihr Wissen mit mir teilen. Das braucht Vertrauen. Und so ist der schwierige Teil der Arbeit als Journalistin wohl der, Vertrauen zu schaffen. Ich erkläre Mitarbeitern von Huawei und Uber-Fahrern, wie ich arbeite, was ich tue, was ich lasse.

Und dafür treffe ich sie immer an sicheren Orten. Nicht bei schummrigem Licht in Parkhäusern.

Postskriptum

«Was hast Du gelernt, konkret?» hat mich ein Leser nach der letzten Kolumne «Hacks und Hacker» gefragt. Wohl, dass Hacken lernen für mich einer Recherchereise gleicht; zugegeben einer sehr langen. Ich experimentiere, entdecke, lerne – immer noch. Lerne, weiter, zwischen Daten und Code zu unterscheiden, wie ich Passwörter knacke, Websites klone und Server in der Sandkiste crashe, entdecke Würmer, Viren und Trojaner, weiss was Schadsoftware anrichten kann, die Ransomware-Gruppen in die Welt senden, damit sie Computersysteme lahmlegen, Krankenhäuser und Elektrizitätswerke, Schulen und Stadtverwaltungen schädigen, die Lösegeld fordern. 

Und die eine Sache, die ich nicht vergessen habe, konkret, ist der Tipp einer Mitarbeiterin einer IT-Sicherheitsfirma, die Schwachstellen in Unternehmen und Behörden analysiert: «Suchst du Zugang zu einem Büro, dann finde den Aschenbecher, die Raucherecke. Dort geht die Tür auf und zu, auf und zu, höfliche Angestellte halten dir vielleicht sogar die Tür auf. Voilà, du bist drin.»

Ohne technischen Hack.

Hinter der Recherche

Der Künstler Seth Price veröffentlichte 2008 das Büchlein «How to Disappear in America». Es ist eine Anleitung zum Ausstieg aus der Mainstream-Gesellschaft, für die Flucht vor Strafverfolgungsbehörden, um Abzutauchen. Auch bei Price geht’s ums Geld. Sein Tipp: «Save up your money before you run and you’ll give yourself a chance.» – «Sparen Sie Ihr Geld, bevor Sie sich verstecken, dann haben Sie eine Chance, davonzukommen.»

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