DNIP-Briefing #81: Ausschalten

Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit Notaus-Knöpfen fürs Internet, Bürozeiten fürs Internet und KI-Risiken für Pensionskassengelder.

Gut mitgedacht

Was macht ein Opfer von Gewalt, wenn es sich in 2026 bei der Polizei melden will? Sofern man nicht die Notfall-Nummer wählen will (weil es vielleicht kein akuter Fall ist), landet man schnell mal auf der Webseite der jeweils zuständigen Gemeinde- oder Kantonspolizei. Das mag für viele Fälle ausreichend sein. Was aber, wenn man damit rechnen muss, dass einem jemand dabei über die Schulter schaut (gerade bei Partnerschaftsgewalt ein denkbares Szenario)? Da will man vielleicht nicht gleich allzu offensichtlich zeigen, dass man sich gerade über Anzeigemöglichkeiten informiert. Und das Surfen im privaten Modus hilft zwar, Webseiten nicht in der History des Browsers aufzuführen, verdeckt aber keine Bildschirm-Inhalte.

Eine einfache Schutz-Möglichkeit hat die Polizei im kanadischen Vancouver in ihre Webseiten integriert. Auf jeder Seite wird ein Button eingeblendet

Button mit dem Text: (klein) "Need to leave site for your Safety?" und gross "Quick Escape"

welcher beim Anklicken den Verlauf im aktuellen Browser-Fenster leert (damit der Back-Button nicht mehr funktioniert), die Polizei-Seite durch Google ersetzt und einen weiteren Tab mit dem kanadischen Wetterbericht öffnet.

Ist die Lösung perfekt? Nein, natürlich nicht. Hilft sie, wenn der eigene Partner sich von hinten unbemerkt anschleicht und über den Bildschirm schaut? Mitnichten. Aber in vielen Fällen braucht es das auch nicht, da reicht es schlicht, wenn man die Gewissheit hat, dass man (zum Beispiel, wenn der Partner nach Hause kommt) in Windeseile die offensichtlichen Spuren verwischen kann. Und das ist oft besser als nix.

(Vielleicht bekommt der Private-Browsing-Modus bald einen „Exit-Modus mit plausibler Abstreitbarkeit“ nach diesem Vorbild? Aber auch dann müsste das Opfer schon rechtzeitig an die Nutzung dieses Modus gedacht haben. Der Button behält also weiterhin seinen Wert.)

Smart Appliances als Spion im eigenen Heim

Welche Rechte sich sogenannte Smart Appliances (im konkreten Fall ein Koch- oder Mikrowellenherd mit Internet-Anbindung) in den Lizenz-Bestimmungen herausnehmen, hat ein Kunde auf Hacker News dokumentiert. Hier einige der „Highlights“

  • „Kein Anspruch auf Privatsphäre bei der Kommunikation. [Der Hersteller] LG gibt an, dass Nutzerinhalte überwacht werden können und dass Sie keinen Anspruch auf Privatsphäre bei In-App-Chats, Text- oder Sprachnachrichten haben.“
  • „Die Spracherfassung kann auch andere Personen einschliessen. Sprachgesteuerte Produkte können Familienmitglieder, Kinder, Gäste und unbeteiligte Dritte aufzeichnen und analysieren. LG überträgt Ihnen die Verantwortung, diese Personen zu informieren und jegliche gesetzlich erforderliche Einwilligung einzuholen.“
  • „Zielgerichtete Werbung ist zulässig. LG behält sich das Recht vor, zielgerichtete Werbung von Drittanbietern basierend auf den Nutzerpräferenzen anzuzeigen.“

Auch die übrigen Bestimmungen haben es in sich. Nicht nur holt man sich mit solchen Geräten einen Spion ins eigene Heim, man gibt auch die Kontrolle darüber zumindest teilweise an den Hersteller ab. Vermutlich ist man mit einem nicht ganz so smarten Kochherd nach wie vor besser bedient, kochen muss man schlussendlich so oder so selber.

„Nur tagsüber verfügbar“

Was ist unsere typische Reaktion, wenn wir nach Feierabend auf einer Webseite landen, welche uns mit

Screenshot: "This service is currently unavailable. This service is only available between the hours of 7am and 8pm.", Button "Return to GOV.UK"

begrüsst (oder besser gesagt auf Morgen vertröstet)? Egal ob wir jetzt resigniert den Kopf schütteln, laut lachen oder über die IT in (in diesem Falle staatlichen) Verwaltungen fluchen: Meldungen wie die obige wirken in 2026 etwas aus der Zeit gefallen.

Dass die Dinge in diesem Fall nicht ganz so einfach sind, hat ein IT-Berater in UK in einem Blogpost beschrieben. Konkret geht es im obigen Fall um die IT-Umgebung der UK-Behörde, welche für Führerscheine und Fahrzeugausweise zuständig ist (in der Schweiz wäre das ein Teil der Strassenverkehrsämter):

  • Das IT-System hinter der Webseite wurde in den 80er-Jahren auf IBM-Mainframes entwickelt.
  • Zu dieser Zeit war „Online“ und „24/7“ noch kein Thema. Entsprechend ist das System darauf ausgelegt, nur zu Büro-Zeiten effektiv online zu sein (da ausserhalb der Bürozeiten ja niemand aktiv mit dem System arbeiten musste). Die übrigen Zeiten (also nachts) wurden für Hintergrundverarbeitungen, Batchprozesse zur Erstellung von Rechnungen, Backups etc. verwendet.
  • Anfang 2000 wurde ein Anlauf unternommen, dieses Mainframe-System zu erneuern. Das Projekt wurde aber aus Geld- und Zeitgründen nicht vollständig durchgeführt, so dass am Schluss ein komplizierter Mix aus alten und neuen Software-Teilen übrig blieb. Das ist in solchen Projekten unabhängig vom Auftraggeber recht oft der Fall, und mit ein Grund, wieso viele von aussen „einfach“ wirkenden IT-Systeme im Inneren kompliziert und fehleranfällig sind.
  • Eine der im Rahmen des Projekts getroffene Annahme war, dass sich die neuen Software-Teile darauf verlassen konnten, dass sich während der Nacht der Inhalt der Datenbanken nicht ändert. Solange Kunden physisch an den Schalter kommen müssen, ist diese Annahme durchaus plausibel.
  • 10 Jahre später klopfte dann das Internet bei dieser Behörde an, und man wollte Prozesse rund um Führerscheine und Fahrzeugausweise möglichst schnell auch online zugänglich machen. Das Projektteam hatte die Wahl: Zuerst das halb durchgeführte Erneuerungsprojekt während weiteren 2-3 Jahren abschliessen, oder zuerst einen Internet-Service mit Einschränkungen aufbauen und anschliessend diese Einschränkungen (d.h. die Nicht-Verfügbarkeit über Nacht) Stück für Stück abzubauen.
  • „Natürlich“ entschied man sich für die zweite Variante. Und es dürfte wohl niemanden, der schon länger mit IT-Entwicklung zu tun hat, überraschen, dass der Abbau der Einschränkungen bzw. das Ende des Erneuerungsprojekts auch in 2026 noch auf sich warten lassen. Und drum ist die Webseite nach wie vor nur zu Bürozeiten verfügbar.

Wie der Berater im Post schreibt: „Ist das akzeptabel? Nicht wirklich. Ist es verständlich? Absolut.“ Und das ist nicht nur in UK so, sondern überall wo seit den 70ern IT-Systeme aufgebaut und anschliessend meist erweitert, aber selten erneuert wurden. Digitale Transformation ist generell anspruchsvoll. Wenn man dabei auch noch mit überalterten Systemen zu kämpfen hat, wird sie oftmals praktisch unmöglich.

KI kann Ihren Lebensabend gefährden

Selbst die NZZ hält inzwischen KI-Firmen für potenziell überbewertet. Anlässlich der Vorstellung des chinesischen KI-Modells Kimi K3 schreibt sie: „Dafür muss Kimi K3 nicht zwingend in jeder Hinsicht das beste Modell der Welt sein. Es dürfte auch so für viele Nutzer attraktiv sein. Damit stellt Moonshot AI nun die hohen Bewertungen von Firmen wie Open AI oder Nvidia infrage.“ (Eine ähnliche Aussage zur Qualität souveräner KI-Modelle wie beispielsweise dem ETH-Modell Apertus hatten wir letzte Woche im Briefing.)

Was hat das aber mit dem Lebensabend zu tun? Watson zitiert im Zusammenhang mit dem „absurden Ausmass“ der Verschuldung der KI-Unternehmen den Finanzdienstleister Morningstar: «Während Europa darum kämpft, eigene Technologieführer hervorzubringen, fliesst ein Teil der Pensions- und Versicherungsersparnisse letztlich in die Finanzierung der US-amerikanischen Cloud- und KI-Infrastruktur.» Das heisst auch, beim Platzen der KI-Blase und seiner Nebenwirkungen ist wahrscheinlich auch ein merklicher Teil der Pensionskassengelder weg.

Und schliesslich:

Zitat der Woche

Age verification for minors on the internet is just a better sounding way of saying „let’s free Big Tech from having to care about costly compliance by socialising the responsibility to the parents“

Jan Wildeboer im Fediverse (aka „auf Mastodon“)

(Altersverifizierung für Minderjährige im Internet ist nur eine schöner klingende Art zu sagen: „Befreien wir Big Tech von der Last kostspieliger Compliance, indem wir die Verantwortung auf die Eltern abwälzen.“)

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