Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit der Souveränität zur Erhaltung von Datenschutz, Horror-KI-nderbüchern und Rechenzentren, die wie Pilze aus dem Boden (und in den Weltraum) schiessen.
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Eine der Voraussetzungen für die Datenschutzabkommen der Schweiz oder der EU mit den USA sind unabhängige Kontrollbehörden, die über die Einhaltung des Datenschutzes wacht. In den USA war bisher die Federal Trade Commission (FTC) dafür zuständig, einen „im wesentlichen gleichwertigen“ Datenschutz zu Schweiz oder EU aufrechtzuerhalten.
Nun hat aber – wie der Datenschutzverein NOYB um Max Schrems berichtet – der oberste Gerichtshof der USA die Existenz unabhängiger US-Behörden verneint. Nach der „Unitary Executive Theory“, die in einigen republikanischen Kreisen vertreten wird, habe der US-Präsident Macht über alle Behörden. Damit können die Behörden prinzipbedingt nicht unabhängig sein, weshalb das Gericht alle US-Gesetze für verfassungswidrig erklärte, welche Behörden unabhängig mache.
Entsprechend habe NOYB einen formellen Brief an die EU-Kommission geschrieben, in dem diese aufgefordert wird, das EU-US-Datenabkommen ordnungsgemäss aufzuheben.
Ähnliche Überlegungen dürften auch für die Schweiz gelten. Es bleibt deshalb abzuwarten, welche Schritte in der Schweiz folgen werden.
Auf alle Fälle dürfte das die Diskussionen sowie konkrete Schritte um echte digitale Souveränität weiter beflügeln.
Mehr Souveränität in Deutschland
Ein weiteres deutsches Bundesland wird schrittweise digital souveräner. In Mecklenburg-Vorpommern sind (nach ähnlichen Schritten Schleswig-Holstein in Deutschland, dem Bundesheer in Österreich und dem Bundesgericht in Lausanne oder Frankreich). Das Projekt läuft schon länger, nun sind aber die ersten 5000 Arbeitsplätze «reibungs- und datenverlustfrei» von der Microsoft-Datenhaltungsplattform Sharepoint nach Nextcloud umgezogen, wie Heise berichtet.
Das System soll schlussendlich 50’000 Personen in öffentlichen Verwaltungen offen stehen. Auch im KI-Bereich geht Mecklenburg-Vorpommern europäische Wegen mit französischen und lettischen Sprachmodellen. Eine vollständige Abkehr von Microsoft ist kurzfristig trotzdem nicht vorgesehen, aber deutlich mehr Unabhängigkeit.
KI-Slop ohne Ende
KI-Slop, also von KI generierte Texte oder audiovisuelle Medien, welche oft massenweise produziert werden, ist nicht nur bei Spotify und auf Webseiten ein Problem, auch (Online-)Buchhändler wie Amazon werden davon überschwemmt. Ein Autor auf Substack hat hierzu einige im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Beispiele bei Kinderbüchern zusammengetragen. So finden sich auf Amazon (US) über 200 Kinderbücher mit dem Titel „The 100’000 Whys„, welche vorgeben, typische Kinderfragen zu beantworten, welche aber überwiegend von KI generiert wurden und daher schon rein von der Aufmachung her ähnlich wirken. Der Substack-Autor geht davon aus, dass die verschiedenen AutorInnen schlicht mehr oder weniger dieselben Prompts verwendet haben, was zusammen mit dem typischen Bias von KI-Modellen zu ähnlichen Resultaten führt.
Noch spektakulärer wird es, wenn man einen Blick in eines dieser Bücher wirft. Die darin enthaltenen Illustrationen von zum Beispiel Körperteilen oder -funktionen sind vorsichtig ausgedrückt „kreativ“, aber de facto schlicht und ergreifend falsch.

Nichtsdestotrotz verkaufen sich diese Bücher erstaunlich gut und sind (so man den Zahlen trauen mag) teilweise sogar Bestseller. Der Autor vermutet, dass dies primär darauf zurückzuführen ist, dass der Käufer typischerweise nicht die Leserin ist, und dass diese Bücher oft auf die Schnelle als Geschenk oder Mitbringsel gekauft werden.
Vielleicht werden KI-Modelle irgendwann in der Lage sein, korrekte Kinder-Lexika zu generieren. Bis es aber soweit ist, kauft man sich solche (und auch andere) Bücher mit Vorteil in einer Buchhandlung.
Überwachte SportlerInnen
Wearables, also Geräte wie Fitbit oder Apple Watch, bringen neben dem potentiellen gesundheitlichen Nutzen für ihre Träger auch Überwachungsrisiken mit sich. Während sich diese bei Privatpersonen im quasi „üblichen“ Rahmen bewegen (kaum jemand interessiert, wie schnell Felix Muster aufs Tram rennen kann), sieht das bei Sportlerinnen schnell einmal anders aus: Kommt der plötzliche Leistungsrückgang von zu viel Party am Wochenende oder stimmt der Trainingsplan nicht? Ist es ein kurzes Leistungsloch oder ein längerer Trend? Dass das für den Sportler wie auch für seine Trainerin relevant mag sein, liegt auf der Hand. Aber müssen Sportler damit leben, dass auf diese Weise auch ihr Privatleben überwacht und ausgewertet wird?
Bruce Schneier nimmt in einem Blog-Post auf eine Vereinbarung Bezug, welche die Basketballerinnen in den USA getroffen haben. Dabei erwähnt er insbesondere auch, dass neben den Sportlerinnen und ihren Trainern auch weitere Gruppen Interesse an diesen Daten haben dürften: Im Sport wird ja unterdessen auf fast alles gewettet. Da spricht wenig dagegen, dass in Zukunft auch auf den maximalen Puls gewettet wird, den eine Spielerin während einem Match hat, oder auf die Antrittsgeschwindigkeit bei einem Gegenstoss. Ob das den Sport effektiv attraktiver macht, kann allerdings bezweifelt werden.
Zürich wächst! Zumindest was die Rechenzentren betrifft …
Seit 2018 ist Zürich als Rechenzentrumsstandort um ca. den Faktor 5 gewachsen, während im gleichen Zeitraum die grossen europäischen Serverstandorte Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin nur um den Faktor 3, ersieht man aus der letzte Woche publizierten 2026-Ausgabe von «Data Center Market Switzerland» des Immobiliendienstleisters CBRE. Bis 2030 soll die verfügbare Fläche in den Datenzentren im Grossraum Zürich sich in etwa verdoppeln, der Energieverbrauch (und damit die Kühlleistung) gar um 130 % ansteigen. In der zweitgrössten Schweizer Datacenter-Region, dem Genfersee, ist hingegen kaum mit Wachstum zu rechnen, kann man dem CBRE-Report entnehmen.
Stromversorgung und Kühlung von Rechenzentren sind deswegen – ganz besonders bei den aktuellen Temperaturen – «heisse» Themen. So sollen wieder Kernkraftwerke gebaut werden dürfen,wie das Parlament beschlossen hat. Da der Bau von Kernkraftwerken viele Fragen aufwirft (löst sicher kurzfristig keine Energieprobleme und verstärkt die ungeklärten Lagerfragen), wurde auch das Referendum ergriffen.
Aber auch die Kühlung gab Anlass zu kürzlicher Diskussion. So hat Radio Rasa in einer Reportage zum geplanten Datenzentrum in Beringen (SH) die Kühlungsfrage analysiert. So gibt es im Anfang Jahr in Kraft getretenen Schaffhauser Energiegesetz Regelungen zur Kühlung. Rechenzentren müssen aber ihre Abwärme nur anbieten, es braucht keinen Abnehmer dafür als Voraussetzung für eine Baubewilligung. Und im ländlichen Beringen ist weit und breit kein Abnehmer sichtbar.
So ähnlich dürfte die Situation auch an anderen Neubaustandorten aussehen, was sich auch auf Wasserverbrauch und Flusstemperaturen auswirkt, weshalb eine überregionale Koordination sinnvoll wäre.
Dass es auch anders geht, zeigt Infomaniak mit seinem neuen Rechenzentrum am Genfersee. Ab nächstem Jahr soll das Genfer Fernwärmenetz 100 % der Abwärme sinnvoller Nutzung zuführen, auch im Sommer.Thema 3
Wenn uns Rechenzentren um die Ohren fliegen
Aktuell umkreisen rund 15’000 Satelliten die Erde, für Kommunikation, Navigation und verschiedenste Beobachtungen. ⅔ davon gehören Starlink/SpaceX. Verschiedene Firmen wollen in den nächsten Jahren insgesamt mehr als eine Million Satelliten als Rechnerknoten in den Weltraum schiessen (DNIP berichtete).
Alleine die 10’000 Starlink-Satelliten führen pro Jahr 300’000 Kurskorrekturen durch, um anderen Satelliten oder Weltraummüll auszuweichen. Das ist auch dringend nötig, wie eine neue wissenschaftliche Publikation (PDF): Denn ganz ohne Kurskorrekturen würde es im Durchschnitt nur etwa 2½ Tage dauern, bis die ersten Satelliten zusammenprallen würden und weiteren Weltraumschrott produzieren würden. Dieser Schrott liegt nicht einfach nur so herum, sie bewegen sich hoher Geschwindigkeit. Ein Hockeypuck-grosses Teil hat die Durchschlagskraft von 2 kg TNT oder eines ungebremsten Lastwagens auf der Autobahn.
Wenn die Anzahl Objekte im erdnahen Weltraum also nun noch um rund den Faktor 100 ansteigen soll, ist die Wahrscheinlichkeit für Kollisionen und Kettenreaktionen von solchen Katastrophen noch viel höher als bisher. Und einige dieser Rechenzentren fliegen uns dann um die Ohren, kollidieren mit Kommunikations-, GPS- oder Wettersatelliten. Oder stürzen als mannsgrosse Teile unkontrolliert auf die Erde. Weil Steuersystem ausgefallen sind, Bruchstücke nicht rechtzeitig katalogisiert wurden oder jemand absichtlich eine Explosion ausgelöst hat. Oder, wie es der Artikel beschreibt, ein Sonnensturm, ein schlechtes Software-Update oder ein Cyberangriff.
Der Weltraum besteht also nicht nur aus «unendlichen Weiten», sondern ist in Erdnähe ein überfüllter, chaotischer Spielplatz für Milliardäre mit rasenden Gefährten und ohne verbindliche Verkehrsregeln. Solange diese Risiken für den Rest der Welt nicht besser verstanden und abgesichert sind, sollte die Anzahl Satelliten nicht unbändig vervielfacht werden dürfen.
Und schliesslich:
- Die neuen Google-Captchas (neben denen, bei denen du ein Google-Konto und Google-approvedes Gerät besitzen musst, um es lösen zu können) verlangen biometrische Daten von dir.
- Eine juristische Einordnung des Palantir-gegen-Republik-Gerichtsfalls hat Matthias Schwaibold geschrieben. Sie ist durchaus auch für Laien lesenswert und endet, nicht ganz überraschend, mit dem Fazit, dass dieses Verfahren ein Schuss in den Ofen war und Palantir nun wirklich gar nichts gebracht hat.
- Spanien setzt Palantir auf die Schwarze Liste, staatliche Unternehmen und Behörden dürfen keine Verträge mehr mit dem Unternehmen abschliessen. Wer weiss, ob das eine Folge der stärkeren Medienpräsenz von Palantir in den letzten Monaten war …
- Über das australischen Social Media-Verbot für Jugendliche haben wir in den letzten Wochen mehrfach geschrieben. Das funktioniert so gut, dass Australien jetzt angekündigt hat, die Bussgelder für Plattformen zu verdoppeln, welche das Verbot nicht konsequent durchsetzen. Fortsetzung dürfte folgen …

