DNIP-Briefing #84: Überwachung damals und heute

Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit Überwachung mit und ohne Werbung, mit und ohne Korrektheit.

Schützt Kleidung vor Überwachung?

Verschiedene Anbieter verkaufen Kleidungsstücke, mit welchen Kamera-basierte Überwachungssysteme in die Irre geleitet werden sollen (in Deutschland beispielsweise Urban Privacy). Man muss sich allerdings bewusst sein, dass diese Kleidungsstücke meist nicht (oder nur mit der Gesichtserkennung von Smartphones) real getestet wurden. Auch stellen allfällig erfolgreiche Tests höchstens eine Momentaufnahme dar, da sich die Überwachungsmöglichkeiten laufend weiterentwickeln. Selbst falls Anbieter von Überwachungssystemen Tests mit solchen Kleidungsstücken durchführen, werden sie das Ergebnis primär zur Verbesserung ihrer Software einsetzen und kaum mit der (potentiell zu überwachenden) Öffentlichkeit teilen wollen.

Auf diese Problematik weist auch der IT-Sicherheitsforscher Bruce Schneier in einem kurzen Blogpost hin. Er sieht keine Anhaltspunkte dafür, dass diese Art von Kleidungsstücken einen wirksamen Schutz darstellt, und sieht das ganze eher als Sicherheits-Theater.

Banales und falsche Anschuldigungen

Nur noch die Älteren werden sich erinnern: Es gab nach dem Ende des Kalten Krieges eine Zeit, in der man sich über Fichen aufregte. Die Fichenaffäre sowie die Geheimorganisationen P-26 und P-27 wurden als Folge eine Anfang 1989 eingesetzten Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) aufgedeckt und hat in den frühen 1990ern zu für Schweizer Verhältnisse riesigen Demonstrationen und scharfen Diskussionen rund um den «Schnüffelstaat».

In der Sonntagszeitung erfolgte ein Rückblick auf die damalige Zeit, in der die Hälfte der Bundesräte von der Bundespolizei bespitzelt wurde und über 900’000 Überwachungsakten über seine Bürgerinnen und Bürger angelegt wurden. Frei nach dem Motto, «viel hilft viel».

Wer sich in diese Zeit zurückversetzen will, findet die 33 Ausgaben (1990–1998) der Schnüffelstaat-kritischen Zeitung «Fichen-Fritz» sowie das Buch «Schnüffelstaat Schweiz» online.

Moritz Leuenberger, PUK-Präsident und selbst Opfer dieser Bespitzelungen inklusive Abhören seines Telefons, berichtet im Sonntagszeitungs-Interview. Sein Rückblick auf seine eigene Fiche bei Stadt- und Kantonspolizei Zürich: «Ich las vor allem Banales, Falsches und sogar bewusst Falsches», aber auch «Solche Einträge sind exemplarisch für die Mischung von Verdächtigungen und falschen Anschuldigungen, die in den Fichen immer wieder vorkommen».

Es steht zu vermuten, dass auch bei den heutigen Überwachungsmitteln, die noch viel invasiver sind als die damaligen Abhöraktionen, trotzdem weiterhin viel Banales und falsche Assoziationen und Anschuldigungen dabei sind. Nicht nur beim NDB.

Werbung für KI-Bots

Seit Unternehmen entdeckt haben, dass gute Platzierungen in den Resultaten von Suchmaschinen bares Geld wert sind, da dies zu mehr Besuchen auf der verlinkten Seite führt, gibt es Bestrebungen, sein eigenes Unternehmen möglichst gut zu platzieren. Eine ganze Industrie ist rund ums Thema Search Engine Optimization (Suchmaschinen-Optimierung) entstanden, nicht immer waren die eingesetzten Mittel so ganz sauber. Alle Suchmaschinen-Anbieter (insbesondere natürlich Google) führen seit Jahren ein Katz-und-Maus-Spiel mit den SEO-Spezialisten, um Suchresultate brauchbar zu halten.

Da seit einigen Monaten KI-Suchen (d. h. Suchanfragen an ChatGPT, Gemini etc. welche diese dann basierend auf ihren Sprachmodellen und eigenen Websuchen beantworten) am Zunehmen sind, wirken herkömmliche SEO-Methoden nicht mehr so stark. Auch wenn sie immer noch dafür sorgen, dass das entsprechende Unternehmen weit oben in den Suchergebnissen auftaucht: Wenn niemand mehr Suchmaschinen verwendet, bringt eine gute Platzierung keinen Traffic mehr.

Was liegt also näher, anstelle von Suchresultaten neu die KI-Antworten zu beeinflussen? Vincent Schmalbach, ein US-amerikanischer Software-Entwickler, hat anhand eines Online-Artikels des TIME Magazine untersucht, welche Ergebnisse abhängig vom Browser (oder eben vom KI-Bot) ausspielt werden. Und hat herausgefunden, dass der Artikel quasi zwei Ausprägungen hat: Eine welche an Menschen ausgespielt wird und den eigentlichen Text enthält, eine völlig andere welche aus KI-optimierten Werbetexten für eine Bank besteht.

Was anderswo bereits seit Langem an der Tagesordnung ist, kommt jetzt auch zu Online-Magazinen: TIME Magazine selbst gibt an, dass der Bot-Traffic bereits an den meisten Tagen den menschlichen Traffic übersteigt. Diese Zahl wird bald für viele Verlage Realität sein. So dürfte dann das Web aussehen, wenn das Hauptpublikum aus KI-Modellen besteht: Ein Inhalt für Menschen, ein unter Umständen völlig anderer für KI-Bots.

Und schliesslich:

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