Social Media: jetzt ist Europa dran!

Digitale Souveränität ist spätestens seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit in Europa ein oft und viel diskutiertes Thema. Seien es Hilfestellungen für Private und Unternehmen, sich aus der technischen US-Abhängigkeit zu lösen, seien es Erwartungen an staatliche Verwaltungen oder staatliche Initiativen: die Zeit, in welcher technische Abhängigkeit von den USA als unvermeidlich angesehen wurde, scheint (zumindest für den Moment) vorbei zu sein.

Bewegung hat in den letzten Monaten auch im Bereich Social Media gegeben, schliesslich bestehen hier neben Facebook, Instagram, X, TikTok & Co durchaus auch Möglichkeiten für europäische Lösungen. Zwar gibt es mit Mastodon bereits seit 2016 eine europäische Alternative, diese hat es aber bisher (trotz eines Schubs durch Twitter/X-„Flüchtlinge“) nicht geschafft, zu einer massentauglichen Option zu werden (wir kommen noch darauf zurück). Und während die verbreitetere X-Alternative Bluesky zwar ebenfalls einen US-amerikanischen Ursprung (und Investoren) hat, ist das zugrundeliegende ATproto-Protokoll öffentlich dokumentiert. Auf dessen Basis sind in den letzten Monaten mit Eurosky und W Social zwei europäische Initiativen entstanden, welche europäische Social Media anbieten wollen. Zusätzlich gibt es eine ganze Reihe weiterer europäischer Experimente am Thema, darunter Wedium, eYou, Monnet, Bulle und vermutlich einige mehr.

Die europäischen Alternativen

Mastodon

Mastodon existiert bereits seit 2016 und war lange Zeit primär ein Nischenprodukt, auf welchem sich vor allem IT-Nerds und andere, oft kleinere, Communities austauschten. Nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk in 2022 kam es in mehreren Wellen zum Wechsel vieler User von Twitter zu Mastodon. Den meisten dürfte gar nicht bewusst gewesen sein, dass Mastodon auf einer in Deutschland entstandenen Software basiert, digitale Souveränität hatte 2022 noch nicht denselben Stellenwert wie heute.

Technisch basiert Mastodon auf dem ActivityPub-Protokoll. Dieses standardisiert den Austausch von Messages (bzw. generell von strukturierten Daten) zwischen verschiedenen Mastodon-Servern. So besteht das Mastodon-Netzwerk (bzw. das Fediverse, wie die Gesamtheit aller Systeme bezeichnet wird welche mit ActivityPub Daten austauschen) aus verschiedenen grossen (mit zig tausenden von Accounts) bis hin zu sehr kleinen (mit nur einer Handvoll Accounts) Servern. Die Mastodon-Software versucht dabei, die von den BenutzerInnen wahrgenommenen Differenzen zwischen „lokal“ und „global“ möglichst klein zu halten. Trotzdem sorgt die Notwendigkeit, sich bei der Erstanmeldung für einen Server entscheiden zu müssen, bei neuen BenutzerInnen immer wieder für Irritationen. Auch Lücken in Diskussionen, die durch verzögerte Updates zwischen Servern entstehen können, verhindern, dass das Kommunikationsverhalten demjenigen entspricht, welches man von zentralistischen Systemen wie X/Twitter oder Facebook gewohnt.

Mastodon (bzw. die dort aktive BenutzerInnen) sieht sich durchaus als Gegenentwurf zu dieser Zentralisierung. Entsprechend gilt es im Allgemeinen eher als Feature, dass man persönlich aktiv werden muss, um seine Timeline gut zu pflegen und allenfalls so auf Listen/Gruppen aufzuteilen, dass man nichts Wichtiges verpasst. Einen Algorithmus, der einem „wichtige“ Posts automatisch in die Timeline spült, gibt es per Default nicht. Und wie wohl bei keinem anderen Social Media-Netzwerk gilt auf Mastodon „von nix kommt nix“. Wer nur still mitliest, muss sich nicht wundern, wenn seine seltenen Beiträge ohne Reaktion verhallen. Es kommt daher nicht überraschend, dass viele Twitter-„Flüchtlinge“ mit Mastodon nie so richtig warm wurden.

Markus Beckedahl hat Mastodon in einem Blogpost treffend beschrieben:

Mastodon löst das Eigentümerproblem radikal – bezahlt aber mit Komplexität und hat es deshalb bislang nicht geschafft, über eine Nische hinaus Nutzende zu gewinnen. Wir haben im vergangenen Jahr geschrieben, wie gezielte Innovationsförderung diese Probleme lösen könnte. Der Vorteil, den Mastodon gegenüber allen anderen europäischen Alternativen hat: Es ist mehr als eine Idee, es existiert bereits mit Millionen Nutzenden und verfügt über eine große Community.

Eurosky, Mastodon, Wedium, W Social – Worauf es bei europäischen Plattformen ankommt

EuroSky

Dass EuroSky mehr sein will als nur eine Social Media-App, sah man bis letzte Woche schon auf der Webseite des Projekts.

eurosky.tech, abgerufen am 9.6.2026

So versteht sich das Projekt als europäische Technologie-Plattform basierend auf ATproto (dem technischen Protokoll hinter Bluesky), auf welcher beliebige Applikationen laufen können. Möglich macht dies die Fähigkeit von ATproto, quasi beliebige Datenstrukturen verarbeiten und diese standardisiert zwischen Applikationen austauschen zu können. Als Beispiele werden unter anderem Flashes (ein ATproto-basierter Instagram-Klone), Tangled (ein Github-Klon) genannt. So soll man mit einem einzigen Login mit all diesen ATproto-basierten Applikationen arbeiten können, ohne seine Daten oder sein persönliches Netzwerk jedes Mal separat halten bzw. pflegen zu müssen.

Es ist nur folgerichtig, dass der Fokus von Eurosky in einer ersten Phase darauf lag, eine europäische Alternative zu den bisher unter Kontrolle von Bluesky liegenden Servern mit den Daten der User bereitzustellen. Der Eurosky-PDS (Personal Data Server) ist seit Q1 2026 verfügbar, zeitlich stellte Eurosky auch ein Migrationstool bereit, mit welchem User ihre Daten vom bisherigen Bluesky-Server auf den Eurosky-Server verschieben konnten. Abgesehen vom neuen Speicherort ändert sich für User aber nichts, auch der Eurosky-PDS ist mittels ATproto im Gesamtnetzwerk eingebunden und Posts sind weiterhin in Bluesky und allen anderen Client-Apps zu sehen.

Generell ist bei Eurosky noch vieles erst im Entwurfsstadium oder nur in Protoypen verfügbar. Das ist nachvollziehbar, wenn man sich als Technologie-Plattform und als Startup versteht, und nicht a priori schlecht. Es führt aber auch dazu, dass momentan primär andere Startups und Souveränitäts-„Pioniere“ angesprochen werden, und technisch affine BenutzerInnen welche davon profitieren, auf derselben Datenbasis neben einen twitter-ähnlichen Microblogging-Dienst auch andere Apps nutzen zu können. Und man kann davon ausgehen, dass User welche sich zum Beispiel für Tangled oder Leaflet anmelden, gar nicht unbedingt merken, dass sie nun mit einer ATproto-basierten App arbeiten. Wer „nur“ microbloggen will, profitiert bei Eurosky immerhin von europäischem Recht (insbesondere DSGVO und DSA) und der Hoffnung, sein Recht allenfalls einfacher durchsetzen zu können als bei einem potenziellen Rechtsstreit in USA.

Am 11. Juni hat Eurosky dazu mit mu eine eigene App lanciert, welche sie als „eine Microblogging-Anwendung, die als Testumgebung für neue Social-Media-Erlebnisse dient, entwickelt und gehostet in Europa“ verstehen (kurz gesagt ein Bluesky-Webclient made in Europe). Für die User sieht die Web-App momentan noch praktisch gleich aus wie die Bluesky-App, und böse Zungen können sich fragen, inwieweit die Ankündigung mit dem Go-Live des europäischen „Konkurrenten“ W Social am 17. Juni zusammenhängt. Dass mu als (im positiven Sinn) Experimentier-Umfeld geplant ist, sieht man an den Erweiterungen, welche die Web-App gegenüber der Bluesky-Version enthält:

  • Einen „News“-Bereich, in welchem man sich themenspezifisch News-Quellen von Medienhäusern anzeigen lassen kann
  • Die Möglichkeit, Posts die ersten fünf Minuten nach dem Veröffentlichen noch editieren zu können
  • Verifikation von BenutzerInnen durch Drittorganisationen wie Parlamente, Regierungen oder Medienhäuser, unabhängig von Eurosky

Finanzierung

Innovation und Technik kosten Geld, die Finanzierung von Eurosky erfolgt aktuell primär über Investoren-Gelder. Die Plattform hat sich einen Zeitrahmen von 3 bis 5 Jahren gegeben, um kommerziell auf eigene Füsse zu stehen, Details sind aber (wie bei vielen Startups üblich) noch offen. Eine Möglichkeit dürfte sein, Drittanbietern wie Tangled oder Leaflet die Nutzung der Plattform zu verrechnen und so die Basiskosten zu decken.

W Social

W Social versteht sich als europäische Alternative zu X, oder wie es CEO Anna Zeiter in einem Gespräch mit DNIP sagte, als „Twitter ohne Bots“. Um dies zu erreichen, setzt W Social konsequent auf User-Identifikation (dazu später mehr) und wo nötig auch auf Moderation. Zumindest in einer ersten Phase ist eine aktive Partizipation nur für Volljährige möglich.

Technisch setzt W Social wie EuroSky auf ATproto und profitiert damit ebenso von der bereits vorhandenen Verbreitung und dem Datenaustausch zwischen allen auf ATproto basierenden Systemen. Im Gegensatz zu EuroSky liegt der Fokus aber (soweit dies bisher erkennbar ist) klar auf einer Social Media-Anwendung, diese soll aber im Laufe der Zeit vollumfänglich (d. h. über alle für ATproto relevanten Software-Komponenten) auf europäischer Software basieren.

Die Interoperabilität mit Bluesky führt selbstverständlich auch hier dazu, dass BenutzerInnen a priori dieselben Inhalte und Posts sehen, unabhängig davon, ob sie sich bei Bluesky oder bei W Social registriert haben. Alleinstellungsmerkmale will W Social wie folgt schaffen:

  • Bei Verwendung der W Social-App (bzw. der Webseite) hat man Zugriff auf einen spezifischen W Social-Feed, welcher nur Inhalte von durch W Social identifizierten BenutzerInnen enthält. Dieser Feed ist nur für W Social-User zugänglich und sichert diesen ein bot-freies Social Media-Angebot.
  • Angestrebt werden Partnerschaften mit europäischen Medienhäusern, um deren Schlagzeilen und Artikel über W Social zu verbreiten. Exklusivität soll hierbei vor allem dadurch erreicht werden, dass einzelne Artikel entweder explizit für W Social-User freigeschaltet werden oder diese über einen Micropayment-Dienst bezahlt werden können.
  • Ein aufladbares Wallet, welches anschliessend zum Abwickeln der Micropayments genutzt wird (und in Zukunft wohl auch für weitere Services und Inhalte genutzt werden kann).

Nebenbei bemerkt: Ein gleichermassen hilfreiches wie gefährliches Element von Bluesky sind Blocklisten (von Usern erstellte Listen von Accounts, welche man abonnieren kann, um sie stummzuschalten oder direkt zu blockieren). Hilfreich können sie sein, wenn sie seriös gepflegt werden und zum Beispiel das Ausblenden von Hass oder Desinformation verbreitenden Konten erlauben; gefährlich aber dann, wenn die Pflege vernachlässigt wird oder einzelne Posts schon ausreichen, um auf einer solchen Liste zu landen. W Social wird keine Blocklisten unterstützen und überlässt es den Usern, ihre Timeline-Inhalte mit gezielten Blocks einzelner Accounts zu steuern. Da W Social sich grundsätzlich als für alle offene Plattform versteht (man also davon ausgehen, dass auch politische Extrempositionen und Propaganda an sich nicht unbedingt ausgeschlossen werden), wird sich zeigen, ob individuelle Massnahmen alleine ausreichen, um die Diskussionskultur hochzuhalten.

Finanzierung

Wie Eurosky ist W Social zur Zeit von Investoren (insbesondere der schwedischen Klimaschutz-Plattform We don’t have time) finanziert und es ist noch offen, wie sich die Plattform in Zukunft nachhaltig finanzieren möchte. Eine Möglichkeit dürfte sein, Funktionen wie die E2E-Verschlüsselung von privaten Chats oder den Zugang zu automatisch erkannten Trends als Premium-Feature zu verkaufen. Auch kontext-abhängige Werbung (d. h. Werbung die von den angezeigten Posts abhängt, nicht von den User-Daten) dürfte ein Thema sein. Und die Fediverse-Aktivistin Elena RossinI hat in einem Blogpost schon mal die Vermutung geäussert, dass W Social die von verifizierten Menschen geschriebenen Posts dazu verwenden möchte, KI-Modelle zu trainieren (realistischerweise ist davon auszugehen, dass Social Media-Posts schon heute fürs KI-Training verwendet werden).

Identifikation und Anonymität

Um sowohl Bots zu verhindern als auch Altersgrenzen durchsetzen zu können, müssen sich BenutzerInnen vor dem ersten Post zwingend identifizieren. W Social legt Wert darauf, dass dies über eine separate App (W Identity) abläuft, welche nur das Geburtsdatum und die Nationalität an W Social weitergibt, und dass die Identitätsdaten das eigene Gerät nicht verlassen.

Screenshot von wsocial.news, erstellt am 16. Juni 2026

Wenn man genauer hinsieht, sieht es allerdings leicht anders aus. Wie die Privacy Notice von W Identity ausführt, werden während dem Verifikationsprozess eine Telefonnummer, eine Email-Adresse und das Geburtsdatum erfasst, dazu ein Bild des Passes bzw. der Identitätskarte sowie ein Selfie. Diese Daten können (laut ebendieser Privacy Notice) zur eigentlichen Identifikation an einen Drittanbieter übermittelt werden. Die Privacy Notice sichert zwar zu, dass diese Daten nach erfolgter Identifikation umgehend wieder gelöscht werden, unter „Identitätsdaten verlassen das eigene Gerät nicht“ dürften sich viele aber etwas anderes vorstellen.

Nach erfolgreicher Identifikation kann man W Social unter einem beliebigen Namen oder auch anonym nutzen. Allerdings wird auch bei anonymen Accounts die Nationalität und ein Altersbereich im Profil angezeigt. W Social verspricht sich damit mehr Vertrauen unter den Benutzern und das Verhindern von Fake-Profilen. Letzteres ist insofern interessant als dass die Identifikationspflicht Fake-Profiles ja von vornherein verhindern sollte (da hinter jedem Account ein eindeutig identifizierter, realer Mensch steht).

Darüber hinaus hat die Anonymität noch weitere Grenzen: Um Mehrfach-Accounts zu verhindern, wird aus den bei der Identifizierung erfassten Pass-Daten ein Hashcode erstellt welcher bei W Social dann mit dem Account verknüpft wird. Auch wenn W Social selbst so die Identität nicht kennt, kann ein potenzieller Angreifer (das kann auch ein Geheimdienst oder eine Justizbehörde sein) so aus den Passdaten von Verdächtigen diesen Hashcode ableiten und anschliessend (entsprechende gesetzliche Grundlagen vorausgesetzt) bei W Social Profildaten zu genau diesem Hashcode anfordern.

Das soll jetzt nicht heissen, dass diese Art von Anonymität nutzlos ist: Für den Alltagsgebrauch (Schutz vor Doxxing etc.) hat sie durchaus ihren Zweck. Die trotz allem vorhandene Datenspur schützt aber nicht vor einer allfälligen Strafverfolgung und dürfte auch Menschen in Ländern wie Russland oder dem Iran nicht effektiv vor einer Verfolgung bewahren.

Die Sache mit den Bots

Generell kann man sich fragen, ob eine User-Identifikation zum Schutz gegen Bots auf ATproto überhaupt notwendig ist. Aus User-Sicht sind Bots primär auf Plattformen ein Problem, auf denen Engagement-basierte Algorithmen Inhalte in die Timelines spülen, welche grosse Like- und Repost-Zahlen haben. Hier lohnt es sich, eigene Inhalte durch den Kauf von „Klicks“ durch Bot-Farmen zu pushen, was dann je nach Inhalt zu Shitstorms oder generell zum Schaffen von „Schein“-Positionen führt.

Auf ATproto-basierten Social Media-Apps fehlt allerdings genau dieser Algorithmus, und Inhalte mit vielen Likes/Reposts werden in der Timeline nicht öfter angezeigt als solche ohne Likes. Damit fällt der Zweck (und aus Sicht der Bot-Farmen auch die Einnahmequelle) von künstlichem Engagement praktisch weg. Oder in anderen Worten: Es macht für Bot-Farmen wirtschaftlich wenig Sinn, auf Bluesky & Co aktiv zu sein, da Likes keinen direkten Mehrwert haben. Das Argument, Bots mit obligatorischer User-Identifikation einen Riegel zu schieben, ist daher zwar nicht unbedingt falsch, aber löst allenfalls ein Problem, welches in dieser Form in der ATproto-Welt nicht gross stört.

Und der Rest?

Wie erwähnt gibt es eine ganze Reihe weiterer europäischer Experimente am Thema, darunter Wedium, eYou, Monnet, Bulle und vermutlich einige mehr. Diese scheinen, soweit das bisher erkennbar ist, auf proprietären Protokollen zu basieren, auf User-Lock-in zu setzen und ähnliche werbefinanzierte Ansätze zu verfolgen wie die grossen Vorbilder aus USA und China.

Nun kann man durchaus argumentieren, dass BenutzerInnen bei in Europa gesammelten und genutzten Tracking-Daten dank konkret durchsetzbaren Regulierungen wie DSGVO und Digital Services Act besser vor Missbrauch geschützt sind als bei Facebook und TikTok (für welche diese Regulierungen zwar auch gelten, in der Praxis aber nur aufwändig durchsetzbar sind). Aber auch europäische Lösungen müssen schlussendlich Geld verdienen, und das geht nun mal am einfachsten über Werbung. Werbung braucht aber BenutzerInnenzahlen und gerade Usern von Instagram und TikTok dürften das Angebot an „Influencern“ und „Content Creators“ wichtiger sein als digitale Souveränität. Ohne Mechanismen, die rasch zu einer grossen Verbreitung führen, dürften sie also Rohrkrepierer werden.

Mit anderen Worten: Wir kommen auf diese Angebote zurück, falls sie sich mittelfristig halten können und eine relevante Verbreitung finden.

Fazit

Das wichtigste vorneweg: Dass dank der wachsenden Bedeutung von digitaler Souveränität die europäische IT- und Startup-Branche vermehrt eigenen Social Media-Lösungen erstellt, ist grundsätzlich ein gutes Zeichen. Ebenfalls positiv zu werten ist, dass die drei vielversprechendsten auf Föderation setzen und keine abgeschotteten Insel-Lösungen anstreben. BenutzerInnen haben daher zumindest teilweise die Wahl zwischen verschiedenen Ansätzen für Social Media.

Was heisst das jetzt für europäische (und auch schweizerische) Social Media-User? Primär haben sie die Wahl zwischen einem primär auf Föderation ausgerichteten System in Form von Mastodon & Co und aus User-Sicht mehr Twitter-ähnlichen Systemen basierend auf ATproto. Da sich viele in den letzten zwei Jahren bereits zwischen Mastodon und Bluesky entschieden haben (und weitere X-Verlassende mit Bluesky vermutlich eher warm werden als mit Mastodon), bleibt die Wahl zwischen Eurosky und W Social:

  • Bluesky-BenutzerInnnen stehen vor der Frage, ob sie ihren PDS (also den Server welcher ihre Daten hält) zu Eurosky umziehen wollen. Wer ein Zeichen für digitale Souveränität setzen will, kann dies mit dem oben verlinkten Migrationstool relativ einfach tun. Inhaltlich ändert sich dadurch vorerst nichts, die bisherigen Bluesky-Apps lassen sich problemlos weiter nutzen. Seinen Mehrwert kann Eurosky dort ausspielen, wo man mehrere der Apps im Eurosky-Universum nutzen möchte. mu.social (der Webclient fürs Microblogging) inklusive der neuen Funktionen ist bis jetzt auch mit einem herkömmlichen Bluesky-Account nutzbar.
  • Wer zusätzlich von den Exklusivangeboten von W Social (identifizierte User und Zugang zu Medieninhalten) profitieren will, muss sich mit einem Bild seines Passes oder seiner ID identifizieren lassen (oder warten, bis die E-ID verfügbar und von W Social unterstützt wird) und darauf vertrauen, dass diese Daten nicht abfliessen. Um die exklusiven Angebote von W Social (bot-freier Feed, News-Quellen) zu nutzen, muss anschliessend zwingend die W Social-App (bzw. Webseite) genutzt werden (in den übrigen Bluesky-Apps sind diese Inhalte nicht sichtbar).

Egal, ob man mit seinem Bluesky nach Eurosky oder W Social umzieht: Man gehört damit zurzeit sicher zu den digitalen Pionieren. Wer sich auf Bluesky einfach nur mit Gleichgesinnten austauschen möchte, kann mit einem Wechsel aber gut auch noch ein Weilchen zuwarten.

Was man sich unabhängig der Anbieter-Wahl bewusst sein muss: Alle drei ATproto-Optionen (Bluesky, Eurosky und W Social) werden momentan von Investoren finanziert. Ob sich die Ideen für eine nachhaltige, selbsttragende Finanzierung in die Praxis umsetzen lassen ohne schlussendlich analog zu den grossen Social Media-Plattformen in eine Enshittification-Spirale zu geraten, wird sich erst in den nächsten Monaten (Jahren?) zeigen. Wer dieses Risiko von vornherein vermeiden will, ist mit Mastodon besser bedient.

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3 Kommentare

  1. Solange hierzulande alles durch DSA & Co. zu Tode reguliert wird und sich Plattformen dadurch noch orwellianischer gebärden müssen als die US Konkurrenz, kann das kaum etwas werden. Und selbst wenn es etwas würde, wäre die Wahl zwischen vom US-Wolf oder vom EU-Wolf terrorisierten Weiden für das hiesige Lamm kaum attraktiver als einfach nur die US-Weide. Das freiheitsliebende Lämmchen findet womöglich irgendwo eine Nerd-Nische bei einem Anbieter in einem Land, das gerne noch als Drittweltland belächelt oder aber als Feind geframed wird. Mangels ausreichendem Volumen wird aber auch das kaum ein Ausbruch aus der Welt der Bubbles. Alles in allem sehe ich irgendwie wenig Raum für Optimismus…

  2. Ich hatte mal ein Account bei (EU) Diaspora, schien mir ganz gelungen. Doch auch endlos vertrödelte Zeit, ich halte mich seither gerne von allen SM fern. Heute noch nur zur Info auf Mattermost, scheint mir etwas kompliziert.

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