OneLog- das tolle Nutzererlebnis und andere Märchen

Bereits wenige Tage nach der eID-Abstimmung im Frühling 2021 haben die in der Schweizer Digital-Allianz zusammengeschlossenen Medienhäuser unter Führung von Ringier und TX Group angekündigt, ein gemeinsames Login über ihre Newsplattformen hinweg anzubieten. Begründet wurde dies (wie immer in solchen Fällen) mit einem verbesserten Nutzererlebnis, defacto geht es aber um was anderes. Und das formulierte Marcel Kohler, der Geschäftsführer von Onelog (welche das gemeinsame Login bereitstellen soll), damals in einem Interview wie folgt:

Die Verschärfungen im Bereich des Datenschutzes und die Abschaffung von Third-Party-Cookies durch die Browserhersteller haben einen perspektivisch negativen Effekt auf die Werbeerlöse aller werbefinanzierten Portale

persoenlich.com

Oder mit anderen Worten: Da die Nutzerinnen und Nutzer sparsamer mit ihren Daten umgehen und ohne 3rd Party Cookies die einfachen Möglichkeiten des plattformübergreifenden Trackings wegfallen, kann weniger personalisierte Werbung verkauft werden. Und gerade diese Personalisierung bringt das (relativ gesehen) grosse Geld, also braucht es neue Mittel um solche Werbung zielgerichtet platzieren zu können.


Es hat nach der Ankündigung noch ein paar Monate gedauert, aber jetzt scheinen zumindest Ringier und 20 Minuten mit dem einheitlichen Login ernstzumachen. Jedenfalls landete in den letzten folgende Mail gleich zweimal in meiner Inbox (einmal von Ringier, einmal von 20 Minuten):

Ab September erfolgt das Login bei Ringier also über OneLog, weitere Medienhäuser sollen folgen.

Schauen wir uns Teile der Ankündigung mal im Detail an:

Mit dem einmaligen Login erhalten Sie Zugang zu einem kontinuierlich wachsenden digitalen Medien-Angebot

Wir schreiben das Jahr 2021, und Medienhäuser schreiben ernsthaft von einem „kontinuierlich wachsenden digitalen Medien-Angebot“? Wollen sie damit effektiv zugeben, dass sie die Digitalisierung ihres Angebots in den letzten 5 10 20 Jahren verschlafen haben? Denn eigentlich könnte man erwarten, dass das Angebot schon während diesen 20 Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Oder sehen sie Ausbaubedarf (und wenn ja, wo)? Irgendwie wirkt „kontinuierlich wachsendes … Angebot“ wie ein Textbaustein aus dem Newsletter-Einführungs-Kurs…

Die gemeinsame Login-Lösung ermöglicht es uns, Ihnen ein plattformübergreifendes Medienerlebnis anzubieten.

Dieses plattformübergreifende Erlebnis ist seit der Entstehung der Digital-Allianz das Argument schlechthin. Dummerweise hat man es bis jetzt verpasst, es auch in irgendeiner Form mit Inhalten zu füllen oder diese zumindest einmal anzukündigen: Kaufen von einzelnen Artikeln auf allen beteiligten Plattformen vielleicht, bequem über ein Prepaid-Zeitungs-Abo abgebucht? Oder die Möglichkeit, zu einem bestimmten Thema Artikel aller Medienhäuser quasi als Dossier lesen zu können? Und das alles mit einer medienübergreifenden Flat-Rate vielleicht? Es muss ja noch nicht alles implementiert sein, aber etwas mehr als Schlagworte wäre so langsam nett.

Sie behalten jederzeit die volle Kontrolle über Ihre Daten und können diese jederzeit in Ihrem Benutzerkonto bearbeiten und auf Wunsch Ihr Konto löschen. Nähere Informationen finden Sie unten sowie in den Datenschutzbestimmungen

Ein Satz direkt aus dem Lehrbuch. Wer sowas schreibt, hat ja sicher nur das Beste für mich im Sinn, oder? Ein Blick in die Datenschutzbestimmungen hilft weiter, einige Punkte jenseits des üblichen sorgen je nach Stimmung für Heiterkeit oder Irritation:

  • „Ihr Vertrauen in uns, dass wir Ihre Personendaten und damit Ihre Persönlichkeit schützen, ist uns wichtig“
    Ja danke, ich fühle mich geehrt…
  • „Wir informieren Sie bei jeder Datenbearbeitung darüber, was wir mit Ihren Personendaten tun“
    Holla, ob ich da jedes Mal ne Nachricht kriege, wenn sich jemand von OneLog meine Personendaten anschaut oder sie einer Verarbeitung zuführt? Aber schön geschrieben ist es definitiv…
  • „Um die Nutzung unserer digitalen Angebote besser analysieren und auswerten zu können, erstellen wir ausschliesslich für den internen Gebrauch entsprechende Statistiken darüber“
    Da dies unter dem Überthema Personendaten läuft, werden hier also individuelle Nutzerprofile über Lese- und Themenpräferenzen erstellt. Kennen wir ja schon von Netflix & Co, OneLog macht dasselbe mit meinem Medienkonsum. Und ehrlich gesagt sagt dieser vermutlich mehr über meine Ansichten als ein Interesse für trashy Science Fiction und britischen Humor. Ob man dann wenigstens (siehe Punkt oben) jedesmal ne Nachricht kriegt wenn ein Profil erstellt wird?
  • „Falls Sie einen Artikel auf einem digitalen Angebot kommentieren, willigen Sie zudem ein, dass Ihr Name und Vorname sowie gegebenenfalls Wohnort im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar publiziert werden. Ihr Kommentar kann samt Personendaten auf Webseiten Dritter weiterverbreitet und auf Suchmaschinen gefunden werden.“
    Ein Anbieter, dem (siehe erster Punkt) der Schutz meiner Personendaten und meiner Persönlichkeit wichtig ist, ist also nicht in der Lage, das Indexieren von Kommentaren durch Suchmaschinen zu verhindern? Und beabsichtigt sogar, meine Personendaten auf Webseiten Dritter weiterzuverbreiten? Heieiei, da fühl ich mich in meiner Persönlichkeit so richtig ernstgenommen…

Durch das einheitliche Login wird das Surfen im Internet für Sie einfacher, sicherer und übersichtlicher.

To be fair: weniger Accounts machen das Surfen in der Tat einfacher, jedenfalls solange dieses eine Login sicher ist und nicht durch eine Nachlässigkeit meinerseits (zu einfaches Passwort) oder des Anbieters (System nicht genügend abgesichert) komprimittiert wird. Spätestens dann ist es sowohl mit der Einfachheit wie auch mit der Sicherheit vorbei.

Und ehrlich gesagt: Ist das wirklich einfacher? Wenn ich mich heute mit getrennten Accounts bei mehreren Medienhäusern einlogge, sorgt das beim Login gesetzte Cookie dafür, dass ich eingeloggt bleibe und nicht für jedes Zeitungslesen mein Passwort eintippen muss. Das „einfacher“ bei OneLog reduziert sich also auf den erstmaligen Login-Vorgang bei einer weiteren der beteiligten Newsplattformen. Aber vielleicht ist mit „einfacher“ auch die Sicht dieser Plattformen gemeint, die über das einheitliche Login deutlich mehr Daten aus meiner Mediennutzung gewinnen können…

Und wenn wir schon von einfacher und übersichtlicher reden: Einfacher und übersichtlicher wäre zum Beispiel eine zentrale Aboverwaltung, oder die schon erwähnte Flat Rate, oder Querverweise zu Themen die mich interessieren. Aber ey, das scheint hier mit „einfach“ ja nicht gemeint zu sein…

Bemerkung am Rande: Man kann sich sein OneLog-Login gemäss den Datenschutzbestimmungen auch mit seiner SwissID oder seinem Login von Facebook/Google/Apple verknüpfen. Ist ja sicher sinnvoll, auch noch Drittanbieter darüber auf dem Laufenden zu halten, wann man nun gerade welche Newsseite besucht und wie lange man allenfalls dort verweilt.


Eines muss man der Digital-Allianz lassen: Sie schafft es, den Kunden mit schönen Worten ein plattformübergreifendes Login unterzujubeln, welches schlussendlich – allen Datenschutzbeteuerungen zum Trotz – nur dazu dient, die Werbeeinnahmen der beteiligten Medienhäuser zu erhöhen. Von den immer wieder erwähnten Mehrwerten für die Kunden ist auch Jahre nach der ersten Ankündigung nichts zu sehen, im Gegenzug hat die Leserin aber zu akzeptieren, dass ihre Lesegewohnheiten im Detail getrackt und analysiert werden und sie ein gehöriges Mass an Anonymität verliert. Und das ganze gegenüber Medienhäusern, welche nach Jahren des Lobbyierens vom Parlament eine Medienvorlage geschenkt bekommen, welche ihnen eh schon einen grossen Teil des staatlichen Förderungskuchens zuspricht.

Der datenschutz-bewussten Leserin bleibt immerhin ein Weg, um zumindest das plattform-übergreifende Tracking zu unterbinden: Sie erstellt für jedes Medienportal ein separates Login. Den Verlust des „plattformübergreifenden Medienerlebnisses“ wird sie verkraften können…

3 Antworten

  1. Man sollte diese Vollpfosten-Programmierer in eine geschützte Institution einweisen, damit sie von dort keine genervten Medien-Abonnenten mehr ärgern können!
    Ich hatte seit Jahren einen problemlosen Zugang zu den e-paper der Zürichsee-Zeitung und der Sonntags-Zeitung, bis am Freitag, 21.01.2022 dieses Drecks-OneLog aufgeschaltet wurde.
    Ich kann weder mein bisher bestens funktionierendes Benutzerkonto mehr nutzen, noch das angeblich bereits vorhandene OneLog-Konto finden.
    Dass diese Anwendung ohne jegliche Vorankündigung der langjährigen Kunden installiert wurde, veranlasst mich dazu bei der Medieninitiative ein klares NEIN einzuwerfen. Ich will keinen Medien-Monolpolismus und verlange, dass mein e-paper-Zugang unverzüglich wieder hergestellt wird!
    Genervt und trtotzdem mit freundlichem Gruss
    Walter Tessarolo, Hütten

    1. Onelog hat ja die primäre Aufgabe, Benutzer/Leser über verschiedene Medienplattformen hinweg zu tracken und so die Wirkung (und den Preis) der ihnen ausgespielten Werbung zu erhöhen. Von daher ist zu befürchten, dass ein Nein zum Mediengesetz die Medienhäuser erst recht dazu motivieren wird, mit Logins etc das Tracking zu verbessern (und/oder sich noch mehr in die Nähe von Facebook und Google zu begeben).

  2. So wie es hier mit den Kommentaren aussieht. „äusserst Karg“.

    Gehe ich davon aus dass die Lemminge da draussen, sich keine Gedanken machen.
    Das Leben ist so schön, weshalb sich mit Probleme und Hinterfragungen den Kopf füllen.
    Ferien machen, Konsumieren, Wellness, gut Essen gehen, Konzerte, Spiele.

    Apropos Spiele, ware es nicht die alten Römer. Brot & Spiele ….etc.

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