DNIP Briefing #76: 20’000 Server unter dem Meer

Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit Unterwasser-Rechenzentren, Souveränität in der Landwirtschaft und dem unwirklichen Ende von FISA.

Booten und versenken

Verschiedene Medien berichteten über das chinesische Rechenzentrum, das vor der Küste von Shanghai auf dem Meeresgrund liegt und dadurch über 20 % effizienter gekühlt werden könne. Die Daten verwundern. Denn moderne Rechenzentren sind schon sehr effizient. Doch wie berechnet man die Effizienz von Datenzentren? Das ist das Verhältnis zwischen dem Gesamtenergiebedarf und der Energie, die für die eigentlichen Computer genutzt wird.

Die ganze Infrastruktur um die eigentliche Rechenleistung herum braucht ebenfalls Strom: Dinge wie Beleuchtung, Gebäudeautomatisierung, Router, Kühlung. Das Verhältnis zwischen der Leistung, die in die Rechner geht und des Gesamtbedarfs inklusive Infrastruktur wird als „Power Usage Effectiveness“ (kurz: PUE) bezeichnet. Moderne Rechenzentren haben eine PUE von 1.09 bis 1.15, Kühlung etc. benötigen als 9 bzw. 15 % so viel Leistung wie die eigentlichen Rechner, obendrauf.

So nennt beispielsweise Google für seine neuesten publizierten Daten PUE-Jahresmittelwerte per 3. Quartal 2025 für die einzelnen Standorte zwischen 1.04 und 1.14. Oder Infomaniak nennt (Stand Montagabend) für sein neues Rechenzentrum in Genf eine PUE von 1.12 und gibt gleichzeitig an, dass ein signifikanter Teil der Abwärme auch im Sommer ins Genfer Fernwärmenetz eingespeist werden kann (auch im Sommer scheint die Genfer Wohnbevölkerung gerne warm zu duschen). D.h. ein Teil der im Rechenzentrum erzeugten Wärme muss anderswo nicht mittels Strom, Öl oder Gas erzeugt werden; was, salopp gesagt, besser ist als eine PUE von 1.00.

Durch bessere Kühlung kann man also den Stromverbrauch nicht „den Stromverbrauch um 22.8% senken“ („reducing power consumption by 22.8%“), wie es vollmundig in der chinesischen Regierungsmitteilung heisst. Oder nur, wenn man gegen veraltete Rechenzentren vergleicht, was nicht wirklich fair ist. Trotzdem wurden diese Zahlen von Guardian („reduces power consumption by more than one-fifth„) oder SRF („entfallen bis zu 40 Prozent des Stromverbrauchs auf die Kühlung„) unkritisch übernommen.

SRF hat wenigstens eigene Erkundigungen eingezogen und kam u.a. zum Schluss, dass es „bei diesem neuen chinesischen Unterwasserzentrum sollen es nur noch etwa 10 Prozent sein“ sollen. In der Grössenordnung sind aber auch neue landbasierte Anlagen. Und teilweise sogar besser, wie die obigen Beispiele zeigen.

Landbasierte Rechenzentren haben auch nicht die unzähligen Probleme, die im Meer versenkte Anlagen haben, wie schlechte Wartbarkeit (Ersatz-Server und andere -Teile dürften schwierig in die Untersee-Behälter einzubringen sein), schwierig zu kontrollierende Umwelteinflüsse (Korrosion durch Salzwasser, Gefahr von Undichtigkeit, Pflanzenbewuchs an Dichtungen, …) und unklare Auswirkungen auf die Meeresflora und -fauna (Temperaturerhöhungen, Einbringen von Materialien, …).

Ein Grossteil der in der Pressemitteilung genannten Vorteile hätte man auch, wenn man Kühlwasser aus dem Meer nehmen würde (90 % weniger „Wasserverbrauch„) bei gleichzeitiger viel einfacherer Wartbarkeit. (Wasser wird übrigens meist gar nicht verbraucht.)

Den ebenfalls genannten Vorteil von „100 % weniger Landverbrauch“ lässt sich jedoch nicht abstreiten; er wird aber durch deutlich höherem Verbrauch an Meeresboden ersetzt und Land zu finden ist meist auch nicht das Hauptproblem, da die Platzierung recht flexibel ist.

Der bekannte Spruch, dass Techbros es immer wieder schaffen, den Zug neu zu erfinden, die einfach nicht mehr Züge heissen (und diese als neue Hype-Tech-Erfindung zu verkaufen), kann also um die regelmässige Neuerfindung der Wasserkühlung ergänzt werden.

Landwirtschaft: Selbstversorgung ade?

In vielen Köpfen herrscht immer noch das Bild der souveränen landwirtschaftlichen Landesversorgung vor. Doch sowohl in der Urproduktion als auch in der Verarbeitung und der Verteilung gibt es unzählige Abhängigkeiten von ausländischen digitalen Dienstleistungen, wie eine Analyse der Digitalen Gesellschaft auflistet: Traktoren können aus der Ferne deaktiviert werden, Produktionsplanung und Logistiksysteme laufen oft in US-Clouds und auch etliche Zahlungsmechanismen sind fest in US-Hand. Sollte sich also nun die USA zu Sanktionen gegen die Schweiz oder einzelne Firmen oder Personen hierzulande enschliessen, könnte unsere Lebensmittelversorgung schwierig werden.

Dass das keine leeren Drohungen sind, hat Trump in seiner aktuellen Amtszeit mehrfach bewiesen: Dem Chefankläger am internationalen Strafgerichtshof wurde staatlich verordnet der E-Mail-Zugang gesperrt, Politiker und Aktivisten wurden aufgrund ihrer hierzulande legalen Aktivitäten von US-Clouddiensten und dem internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen und Nicht-Amerikanern inklusive Mitarbeitern von Anthropic wurde plötzlich der Zugang zu von ihnen mitentwickelten KI-Modellen verwehrt, begründet mit der Nationalen Sicherheit. („Nationale Sicherheit“ nutzt Trump sehr gerne als Begründung, auch bei Holzexporten.)

Aus diesem Grund ist es wichtig, auch in diesen Bereichen für mehr digitaler Souveränität zu sorgen, damit nicht aus „(US-)Nationaler Sicherheit“ oder aus einer plötzlichen Trump-Laune heraus kein Essen mehr auf unseren Tischen steht.

Dazu gehört, Alternativen aufzubauen. Und zwar rasch und in Zusammenarbeit mit anderen, um die schlimmsten Auswirkungen abfedern zu können. Und am besten funktioniert das auf Basis von Open-Source-Lösungen und IT-Lösungen ohne Lock-In zu spezifischen Cloud-Providern. (Disclaimer: Marcel Waldvogel hat auch zur Analyse beigetragen.)

Ende von FISA – Ende der Überwachung?

Am vergangenen Wochenende ist FISA ausgelaufen, das Foreign Intelligence Surveillance Act der USA. Eines der Gesetze, mit der im Geheimen Ausländer ausspioniert werden dürfen. Obwohl das Gesetz nicht mehr gültig ist, sind seine Auswirkungen (also die Möglichkeit, ohne Richterbeschluss z.B. an Cloud-Daten von nicht-US-Amerikanern heranzukommen), noch fast ein Jahr in Kraft. Dies aufgrund von seltsamen Konstrukten, über die Ars Technica berichtete.

Und schliesslich:

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2 Kommentare

  1. Uuah, mir graust‘s mal wieder:

    „ Der ebenfalls genannte Vorteil von „100 % weniger Landverbrauch“ kann man jedoch nicht abstreiten;“

    So sehr ich mich auf das dienstägliche dnip.ch freue, das Korrektorat lässt doch manchmal sehr zu wünschen übrig. :-/

    1. Danke für den Hinweis, der Satz wurde angepasst.

      Wir haben leider kein professionelles Korrektorat, wir versuchen aber meist, das mit einem Peer Review zu lösen. Das klappt aber nicht immer, da wir DNIP de facto in unserer Freizeit betreiben.

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