Digitale Souveränität: KMU sehen mehr Chancen als Risiken

Zwei Füsse auf einem Pfeil, der nach vorne/oben zeigt

Bisher ist wenig bekannt darüber, wie Schweizer Unternehmen digitale Souveränität wahrnehmen und wie sie konkret mit dem Thema umgehen. Das ist problematisch, denn ein Mangel an Know-How und Ressourcen erschwert es Unternehmen und Gesellschaft eine Strategie für den Umgang mit digitaler Souveränität zu finden. Daher haben wir in der ersten qualitativen Erhebung dieser Art, Schweizer Unternehmen, Interessenverbände und Politiker interviewt, um Antworten, Vorschläge und Fragen rund um das Thema digitale Souveränität zu sammeln. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Schweizer Unternehmen digitale Souveränität nicht nur als Kostenfaktor, sondern häufiger als Chance zur Stärkung des IT- und Wirtschaftsstandorts Schweiz begreifen. Für eine digital souveräne Schweiz, sind allerdings noch einige Schritte notwendig.

Der Wunsch nach Souveränität

Wir alle sind online unterwegs. Und oft erschlagen ob der riesigen Auswahl: Hunderte Handys, tausende Apps, Millionen von Webseiten. Doch die scheinbare Auswahl trügt: Hinter vielen dieser Anwendungen und Online-Diensten stehen direkt oder indirekt einige wenige Grosskonzerne, viele davon aus den USA.

Diese Machtkonzentration lief lange unscheinbar ab, wenn nicht gänzlich unsichtbar. Doch in den letzten Jahren wurde zunehmend klar, wie stark wir von den USA abhängig sind und wie unberechenbar diese als Partner geworden sind. Zölle, die vom einen auf den anderen Tag ausgerufen werden und deren Bedingungen sich innert weniger Wochen mehrfach ändern; europäische Staatsoberhäupter, die vom einen auf den anderen Tag in Ungnade fallen; Kriege, die angezettelt werden, um Regierungsoberhäupter zu entführen oder zu eliminieren; z. T. scheinbar ohne längerfristigen Plan.

Doch wer online unterwegs ist, hat heute kaum eine Chance, bei seinen Online-Aktivitäten und der dabei entstehenden Datenpreisgabe auf bestimmte Länder oder Firmen vollständig zu verzichten. Der Wechsel zu Angeboten, die zu 100 % von Herstellern bzw. aus Ländern stammen, deren Gebaren uns besser passt, ist schwierig und scheint oft aussichtslos.

Sowohl Staaten, als auch Firmen und Privatpersonen, sind also selten souverän bzw. selbstbestimmt in ihrer Wahl von Software oder Clouddiensten, an wen sie ihre Daten ausliefern wollen oder wen sie finanziell weiter stärken wollen.

So sehen in einer im März publizierten Studie von gfs.bern, 4 von 5 Schweizern die Abhängigkeit von internationalen Techkonzernen und den Einfluss ihrer Herkunftsländer als zu hoch an.

Der Weg zur digitalen Souveränität

Doch in den letzten Monaten haben sich einige Veränderungen ergeben. Die scheinbare Aussichtslosigkeit beginnt mutigen Worten und ersten Taten zu weichen.

Auf staatlicher Ebene als auch bei einzelnen Privaten ist da inzwischen einiges in Bewegung gekommen: So wurde letztes Jahr das Netzwerk Souveräne Digitale Schweiz (SDS) gegründet und der Bundesrat hat Ende letzten Jahres seinen Bericht zur Digitalen Souveränität der Schweiz verabschiedet. Und seit Jahreswechsel gibt es im deutschsprachigen Raum regelmässig Aktionen im Rahmen des Digital Independence Day, der sich vor allem an Privatpersonen richtet.

… aber für Unternehmen?

Über Unternehmen und ihr Verhältnis zur digitalen Souveränität ist noch wenig bekannt, ganz besonders in der Schweiz. Wir – David Presberger und Paolo Di Tommaso – wollten das ändern und haben deshalb im Januar und Februar Vertreter von Unternehmen, Interessensverbänden sowie Politiker interviewt. In den Interviews haben wir Vorschläge und Sichtweisen rund um das Thema zusammengetragen, um einen Grundstein für weitere Untersuchungen zu legen.

Das überraschende Ergebnis: Viele unserer Interviewpartner sahen digitale Souveränität weniger als Hürde, sondern mehr als Chance für Unternehmen und den IT-Standort Schweiz.

Die Fragestellung

Die Frage, die wir uns stellten und mit denen wir die 16 Interviews begannen, lautete:

«Wie nehmen Schweizer KMU das Thema digitale Souveränität war und welche Handlungsoptionen sehen sie in Bezug dessen?»

Unser Interesse zielte zu Beginn vor allem auf KMU, da diese mit über zwei Dritteln der Schweizer Beschäftigten, das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bilden. Für uns war klar: Wenn man die digitale Souveränität in der Schweiz verstehen möchte, muss man bei den Schweizer KMU anfangen.

Doch uns kamen auch Zweifel: Ist das Thema für KMU überhaupt interessant? Ist digitale Souveränität ein Luxusproblem, bei dem KMU sich mangels Ressourcen die notwendigen Schritte gar nicht leisten können?

Tortengrafik die zeigt, dass ⅔ der 4.8 Millionen Beschäftigten in der Schweiz in KMU arbeiten
Datenquelle: Bundesamt für Statistik, Statistik der Unternehmensstruktur STATENT

Pain Points

Wir konnten rasch feststellen, dass sich tatsächlich auch kleine Unternehmen stark für das Thema interessieren. Die Angst vor Abhängigkeit gegenüber grossen Unternehmen war ein regelmässiges Thema in unseren Interviews; wie auch die erlebten oder antizipierten Kostensteigerungen, denen sich die Befragten durch Lock-In ausgesetzt sahen.

Ein Interviewpartner eines IT-Beratungsunternehmens sah vor allem steigende Lizenzgebühren und Vendor-Lock-In als massgeblichen Treiber hinter der Nachfrage nach mehr digitaler Souveränität. Diesbezüglich wurde das Beispiel der massiven Preissteigerungen bei den Lizenzkosten von VMware nach deren Übernahme durch Broadcom hervorgehoben. Für viele Kunden vervielfachten sich dadurch die Lizenzkosten. Hier beginne häufig eine verstärkten Suche nach Alternativen, oft Open-Source-Software.

Ein Problem sei zudem für KMU, dass bei IT-Lösungen oft keine Gesamtkostenrechnungen gemacht würde (Total Cost of Ownership, TCO), wie ein Interviewpartners eines kleineren IT-Dienstleisters betont. Denn würde der Preis und Folgekosten von strategischen Abhängigkeiten und ihre Risiken richtig kalkuliert und eingepreist, würden Souveränitätsaspekte von den Firmen stärker berücksichtigt. Einer unsere interviewten KMU-Vertreter drückt seine Einschätzung vor allem zu den Kosten von Cloud-Lösungen folgendermassen aus:

«[on-prem ist] auch kostenmässig günstiger als eine Cloud-Lösung, weil dort [bei der Cloud-Lösung] auch die Zertifizierung geklärt und immer wieder neu evaluiert werden muss. Wie weit ist es skalierbar? Und ich kenne ja nicht alle Kosten. Wir kennen die Kosten, wie sie heute sind, wie sich aber die Cloud-Preise entwickeln werden, ist für mich schwierig abzuschätzen.

Einige Interviewpartner erwähnten zudem, dass sie kurzfristig gerne Mehraufwände für die Umstellung leisten würden, wenn sich dafür langfristig eine Loslösung von den bestehenden Firmen- und Finanz-Abhängigkeiten ergäbe.

Chancen & Wettbewerbsvorteile

Konkret sahen unsere Interviewpartner somit folgende Kosten- und Wettbewerbsvorteile durch einen Wechsel auf digital souveräne Lösungen:

  • Kostenreduktion durch Open-Source-Alternativen und Abbau von Vendor-Lock-In,
  • Flexibilität durch Dateninteroperabilität, Datenverfügbarkeit in Krisen,
  • bessere Zusammenarbeit mit europäischen Kunden,
  • positive Marketing-Effekte durch swiss-made und
  • besseren Support und Mitbestimmung bei Weiterentwicklung von Schweizerischen IT-Lösungen.

Der Weg hin zu mehr digitaler Souveränität setze aber auch eine Änderung in der bisherigen Lebensweise voraus. Man müsste sich von, «der Kunde hat keine Wahl; er kauft, was der Lieferant liefert» zu einem partizipativeren Umgang mit IT-Lösungen hin entwickeln, was aber auch bedeute, dass sich die Fähigkeiten auf Kundenseite entwickeln müssen.

So wurde wiederholt erwähnt, dass sich die KMU mehr Wissen wünschten, über IT-Hintergründe im Allgemeinen und Open Source im Speziellen, sowie eine stärkere Zusammenarbeit bei Lern- und Umstellungsprozessen. Zudem bestünde der Wunsch nach gezielten Branchenlösungen, bspw. Software für Elektroinstallationen – hier könnten Schweizer Unternehmen Ressourcen bündeln und gemeinschaftlich souveräne Lösungen vorantreiben. Auch genannt wurde der Wunsch nach gezielter Information über souveräne Branchenlösungen.

Nächste Schritte

Auf Basis unserer Gespräche sehen wir Handlungsbedarf in folgenden Bereichen:

Wissen über Abhängigkeiten und Handlungsoptionen schaffen

Wissen ist eine notwendige Grundlage für selbstbestimmtes Handeln. Es ist wichtig, Wissen über bestehende Abhängigkeiten und ihre Folgen zur Verfügung zu haben; aber auch über Alternativen und Erfahrungen aus einem Umstieg. Mit einer soliden Wissensbasis eröffnen sich dann neue Handlungsmöglichkeiten.

Bereits jetzt kann sich jedes KMU folgende zwei Fragen stellen

  • «Kann ich bei meinem IT-Dienstleister oder Cloudprovider einfach vom Verhandlungstisch weglaufen, wenn er oder seine Vertragsbedingungen mir irgendwann nicht mehr zusagen?» (Diese Frage ist angelehnt an ein Statement von Rolf Schumann, Chief Digital Officer der Schwarz-Gruppe.)
  • «Was muss ich tun, damit ich die Unabhängigkeit erlange, um vom Verhandlungstisch weglaufen zu können? Anders gesagt: Habe ich eine Exit-Strategie?»

Wer sich tiefer mit dieser Frage beschäftigen will, kann die Souveränität seiner IT-Landschaft auf Basis unseres Leitfadens, des offenen Soversanity-Schemas oder des EU-Cloud Sovereignty Framework beurteilen.e Souveränität seiner IT-Landschaft auf Basis des Soversanity-Schemas oder des EU-Cloud Sovereignty Framework selbst beurteilen.

Vernetzung stärken

Wichtige Kunden werden oft von Lieferanten auf dem Weg zur stärkeren Nutzung ihrer Produkte begleitet. Diese Begleitung fällt weg, wenn man auf der Suche nach einer unabhängigen Alternative ist.

Um so wichtiger ist es dann, dass es lokale oder thematische Ansprechspersonen gibt, die unterstützen können. Oder Austauschplattformen organisiert werden.

Neben zivilgesellschaftlichen Akteuren wie dem «Netzwerk Souveräne Digitale Schweiz» (Netzwerk SDS) sind auch regionale Wirtschaftsverbände und Branchenverbände gefragt, Wissen und Austauschnetzwerke aufzubauen und zu teilen. Unterstützung der offiziellen Schweiz würde diese Arbeit – die ja auch im gesamtschweizerischen Interesse ist – vereinfachen und beschleunigen.

Gemeinschaftliche Lösungen aufbauen

Ein Schritt über die gegenseitige Unterstützung hinaus kann auch der Aufbau einer gemeinschaftlichen IT-Organisation sein. Ein Modell, das in unserem nördlichen Nachbarland sehr beliebt ist.

Im Rahmen der Digitalen Souveränität wird oft ZenDiS als Vorbild genannt, das «Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung» von der deutschen öffentlichen Hand geschaffen worden, um Know-How und Lösungen für die öffentliche Hand aufzubauen. Auch in der Schweiz ist man dabei mit dem Zentrum SDS eine ähnliche Organisation aufzubauen.

Aber auch über 220 Hochschulen in Deutschland sind Genossenschafter und damit Besitzer ihres gemeinsamen Software-Dienstleisters, der Hochschul-Informations-Systeme eG (HIS). Die Geschichte der HIS geht bis 1969 zurück und sie dürfte damit einer der ältesten gemeinschaftlichen IT-Dienstleister sein.

Neben der öffentlichen Hand gibt es in Deutschland auch Lösungen für KMU: So ist beispielsweise Hostsharing eine Genossenschaft, die schon über 25 Jahre «selbstbestimmte Digitalisierungslösungen» für ihre Mitglieder anbietet.

Diese Beispiele könnten als Vorbilder für analoge Schweizer Strukturen dienen.

Fazit

Die Ergebnisse unserer Arbeit haben uns vor allem dahingehend überrascht, dass viele Unternehmen die Beschäftigung mit digitaler Souveränität nicht als Luxusproblem, sondern als Grundbaustein ihres Wirtschaftens verstanden.

Für Unternehmen ist digitale Souveränität demnach ein Kernbestandteil der IT-Sicherheit und dürfe nicht in Anbetracht von Kostenüberlegungen vernachlässigt werden. Oder wie es ein Vertreter eines von uns interviewten KMU ausdrückte:

«[Bei digitaler Souveränität] geht es nicht um Kosten, es geht um Sicherheit. Vielleicht wäre ein Auto ohne Airbag auch billiger – wir stellen schlicht nicht mehr in Frage, ob wir ein Auto mit Airbag kaufen oder nicht.»

Diese Ansicht spiegelt die Ergebnisse der gfs.bern, dass Schweizer Bürger auch zusätzliche Kosten in Kauf nehmen würden, wenn sich dadurch die digitale Souveränität erhöhen liesse.

Auch wenn die sprichwörtliche Ablehnung gegenüber Fremdkontrolle, also den «fremden Vögten», von keinem der Interviewpartner ausgesprochen wurde, scheint diese urschweizerische Haltung doch mitzuschwingen.

Ein Abwenden vom Verhandlungstisch und damit ein Produktwechsel wird nie gratis sein. Doch wenn die Möglichkeit zum Wechsel vollständig fehlt, wird man jegliche Forderungen des Lieferanten auf Dauer akzeptieren müssen. Ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis, wenn man keine Exit-Strategie hat.

Unsere Erhebung bietet einen ersten qualitativen Einblick in die Betrachtungsweisen Schweizer Unternehmen und ist ein erster Schritt zum besseren Verständnis digitaler Souveränität in Schweizer Unternehmenskontexten. Unser Bericht mitsamt seiner Sammlung von Ideen, Sichtweisen und Vorschlägen soll den Weg für weitere Forschungsaktivitäten ebnen. Denn für eine präzise Einordnung der Schweizer Unternehmen bedarf es noch einer grösseren, repräsentativen Umfrage unter Schweizer Unternehmen.

Ein Aufbau von Wissen, Netzwerken und vielleicht sogar tragfähigen gemeinschaftlichen Strukturen sind notwendig. Daher wäre es hilfreich, wenn neben der Bildung lokaler Kondensationskerne für alle diese Bereiche auch grössere Strukturen gefördert würden. So betont auch die Parlamentarische Gruppe Digitale Nachhaltigkeit (Parldigi) in einem offenen Schreiben, dass die langfristige Finanzierung von Aktivitäten zur Stärkung der digitalen Souveränität, wie beispielweise für das Zentrum SDS, sichergestellt werden muss.

Das vorgeschlagene Impulsprogramm zur Stärkung der digitalen Souveränität ist dabei bereits ein erster wichtiger Schritt von politischer Seite. Jedoch benötigt es weitere Instrumente. So wären beispielsweise klare Richtlinien hinsichtlich digitaler Souveränität in öffentlichen Ausschreibungen wichtig, damit diese als auschlaggebendes Kriterium herangezogen werden kann. Weiterhin kann das Henne-Ei-Problem aus fehlender Nachfrage für souveränen Lösungen und fehlendem Angebot für diese, dadurch überwunden werden, dass man Ankerkunden schafft: öffentliche Einrichtungen. Ankerkunden zu schaffen und digitale Souveränität in Ausschreibungen stärker zu berücksichtigen, kann bereits wesentliche Anreize setzen, um das Angebot für souveräne Lösungen zu stimulieren und das Schweizer IT-Ökosystem ein Stück weit souveräner zu machen.

Weiterführende Literatur

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Ein Kommentar

  1. Der ewige europäische circle jerk. Man stellt fest, dass man einem externen Monopolisten ausgeliefert ist. Und sucht sofort Lösungen in Form von Public-Private-Partnerschaften, Genossenschaften und sonstigen Kollektiven (Organisationsformen notabene, die aus Sicht des Individuums noch selten Souveränität gebracht haben). Ohne sich je der Frage zu stellen, wieso die letztlich in Monopolisten ausartenden guten Anbieter ausnahmslos extern angesiedelt sind. Könnte das eventuell genau daran liegen, dass „Lösungen“ hierzulande nur noch in ständig noch weiter ausgebauter staatlicher Betreuung und Bevormundung gesucht werden?

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