Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit Microsoft, falscher Terror-Bekämpfung und der richtigen Reaktion auf KI-Slop.
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ToggleEin kleines Schrittchen weg von Microsoft
Die Bundesverwaltung in Bern verwendet, wie viele andere Verwaltungen und Unternehmen auch, Office-Produkte von Microsoft. Diese Abhängigkeit wird angesichts der geopolitischen Lage und dem wachsenden Interesse an (europäischer) digitaler Souveränität von verschiedenen Seiten als heikel beurteilt, auch fallen jährlich Lizenzkosten an bei welchen man Erhöhungen jeweils einfach ertragen muss. Die Bundeskanzlei hat daher bereits vor zwei Jahren eine Machbarkeitsstudie inklusive Proof of Concept durchgeführt, um die digitale Souveränität im Bereich der Büroautomation durch den Einsatz von Open-Source-Software zu stärken.
Wie gestern auf SRF vermeldet wurde, testet der Bund nun in einem grösseren Projekt den Umstieg auf alternative Software. Konkret sollen ab 2027 rund 3000 Mitarbeitende neu mit Open Source-Programmen arbeiten, welche im Rahmen der oben erwähnten Machbarkeitsstudie evaluiert wurden. Die grössten Hürden sieht der Bund, nicht ganz überraschend, in den vielen fachspezifischen Anwendungen welche eng mit den Microsoft-Produkten verzahnt sind, und in den Arbeitsgewohnheiten der Mitarbeitenden. Daniel Markwalder, der verantwortliche Delegierte des Bundesrats für die digitale Transformation, sieht aber Chancen, gerade auch für die Firmen welche den Support für die Open Source-Produkte sicherstellen oder eigene Produkte anbieten: „Für die Firmen ist das eine Chance. Wenn sie ihre Software so entwickeln, dass sie uns mehr Souveränität gibt und wir unsere Daten bei uns behalten können, sinkt bei uns der Druck, sie [die Firmen] zu verlassen.“
Ausgelegt ist die erweiterte Testphase auf zwei Jahre, anschliessend soll entschieden werden, ob ein kompletter Ersatz realistisch ist oder ob Open Source-Produkte primär als Ausweich- und Ersatzlösungen zum Einsatz kommen.
Provider-Terror
«Die Trump-Regierung wirft dem italienischen Internetkollektiv Autistici/Inventati die Unterstützung von Terrorismus vor», schrieb Netzpolitik.org letzte Woche (DNIP berichtete ebenfalls) in der Einleitung zu ihrer Hintergrundrecherche zum Thema. Netzpolitik sprach mit Francesca Bria, die sich für digitale Souveränität einsetzt und die europäische Rechtslage dort kommentiert: «Ein Anbieter haftet dann, wenn er von konkreten rechtswidrigen Inhalten weiß und nicht handelt – nicht aufgrund der Identität seiner Nutzer.» Und weiter:
„Nichts davon ist hier geschehen“, sagt Bria. „Keine Anordnung, kein Gericht, keine Feststellung durch eine italienische oder europäische Behörde“. Schlicht die politische Ausrichtung der Nutzer:innen sei Grund dafür, dass die gesamte Infrastruktur als schuldig behandelt werde.
Dabei hat sich das Kollektiv laut Angaben eines anonymen Sprechers an die entsprechenden Regeln gehalten: Wenn Behörden an sie herangetreten und sie auf illegale Inhalte auf ihren Diensten hingewiesen haben, hätten sie diese nach einer Überprüfung entfernt, sagte der Sprecher dem niederländischen Medium NRC. Sonst wären sie schnell vor Gericht gelandet, denn die Haftungsfreiheit ist eben an diese Bedingung geknüpft. „Wir wurden nie verurteilt“, sagte der Sprecher.
Die Sanktion der Trump-Administration mutet doppelt seltsam an: Wenn europäische Organisation sich gegen Hassrede bei US-Big-Tech einsetzen, werden deren Schlüsselpersonen unter US-Sanktionen gestellt. Trump verteidigt seine eigenen Provider, wenn die anderswo etwas Illegales machen, mit Händen und Füssen. Gleichzeitig versucht seine eigene Administration aber nicht einmal, den normalen Rechtsweg gegen allfällige illegale Inhalte im Ausland zu beschreiten.
Hauptsache, er kann seine Macht zeigen, gegenüber Europa (wie beispielsweise mit den Strafzöllen) oder eben ihm unliebsamen Organisationen, ganz besonders, wenn sich diese für Privatsphäre und gegen Autoritarianismus (wie eben den Trump’schen) einsetzen. Möglicherweise in der Hoffnung, weitere Organisationen und Länder einzuschüchtern.
Der Terror kommt also von einer ganz anderen Seite.
Nachtrag 2026-09-08: Scheinbar mit Erfolg: Autistici/Inventati haben angekündigt, ihren Dienst nach 25 Jahren aufgrund der Sanktionen einzustellen.
Die Fast-Amazon-E-ID
Die E-ID ist dringend nötig, aber aktuell verzögert. Sie ist ein Schlüsselprojekt des Bundes für die Digitalisierung, und wie die Diskussionen um das erste E-ID-Referendum und die Planung für die neue E-ID gezeigt haben, ist der Bevölkerung das Vertrauen in die Infrastruktur wichtig. Insbesondere solle die Infrastruktur nicht von Privaten betrieben werden.
Nun hat aber unsere Redaktionskollegin Adrienne Fichter letzte Woche in der Republik berichtet hat, war aber bis vor wenigen Monaten geplant, dass wichtige Teile der E-ID-Infrastruktur zu Amazon ausgelagert würden. Zum Glück wurden diese Pläne dann doch noch gekippt, da sie die ohnehin schon knappen Akzeptanz in der Bevölkerung sicher nicht gefördert hätten.
Die Digitale Gesellschaft hat letzten Donnerstag in einem Gespräch mit dem zuständigen Bundesrat Beat Jans den Wunsch bekräftigt, die Ausstellung der E-ID rasch voranzutreiben. Insbesondere solle die persönliche Ausstellung «nun entsprechend vorgezogen werden. Ein unsicherer Online-Ausstellungsprozess darf kein Aufschub für die Einführung der E-ID bedeuten.»
AI;DR
Wer schon länger im Web und in den sozialen Medien unterwegs ist, kennt die Abkürzung „TL;DR“. Sie steht für „Too long; didn’t read“ („[Der Text war] zu lang; [deswegen habe ich ihn] nicht gelesen“) und wird als Antwort auf einen als überlang empfundenen Beitrag gesetzt. Manchmal wird sie auch von der jeweiligen Autorin an den Anfang des eigenen Texts gesetzt, um eine Zusammenfassung einzuleiten.
Für KI-geschriebene Texte gibt es jetzt das Pendant „AI;DR“, geeignet als Reaktion auf KI-generierte Slop-Texte welche zwar viele Worte enthalten, inhaltlich aber nicht weiterhelfen. Etwas flapsig kann man das auch als „Du hast Dir keine Mühe gegeben, diesen Text zu schreiben, also werde ich mir keine Mühe geben, ihn zu lesen“ übersetzen. In diesem Blogbeitrag finden sich neben Details auch ein paar schön gestaltete Grafiken passend zum Thema. Und ein Link auf „Stop pasting the AI at me„, welcher mit folgendem sarkastischen Text beginnt:

Und schliesslich:
- Der Chef Cybercrime der Kantonspolizei Zürich hat vergangene Woche an einer Veranstaltung einen Einblick in die digitale Forensik bei Smartphones gegeben, also wie die Polizei an Daten auf beschlagnahmten Smartphones kommt. Rechtsanwalt Martin Steiger war dabei und hat den Vortrag zusammengefasst. Dabei waren neben den technischen Hürden auch die kürzeren Spiesse der Verteidigung im Vergleich zu Polizei und Staatsanwaltschaft ein Thema.
- «Smart Glasses», in einschlägigen Kreisen auch «Spanner-Brillen» genannt, werden von einigen Nutzenden umgebaut, um die sowieso schon sehr dezente Kamera-LED ganz auszuschalten. Meta versucht diese Manipulation nun zu erkennen und hat nach eigenen Angaben viele dieser manipulierten Brillen gesperrt. Ob dies als Reaktion auf das in Norwegen diskutierte Smart-Glasses-Verbot geschah?
- CVP, FDP und SVP setzen lieber auf mehr Überwachung aller Bürger als Kalaschnikows einfach weniger grosszügig verteilt zu haben.
- In den USA verbieten erste Law Schools (also Unis bzw. Departemente für JuristInnen) den Einsatz von KI in Arbeiten, welche zu studium-relevanten Credits führen. Einzelne gehen sogar noch weiter und verbieten gleich den Einsatz von Smartphones und Laptops in den Vorlesungssälen. Begründet wird dies (durchaus nachvollziehbar) damit, dass die aktive Auseinandersetzung mit dem Stoff und das Erarbeiten von Wissen Teil der Ausbildung ist (und man dies nicht an die KI auslagern kann).
- Ein Cybersecurity-Experte hat Experimente dazu angestellt, wie ein Auto bemalt sein muss, um von den in den USA weit verbreiteten Flock-Überwachungskameras nicht erkannt zu werden. Das Ergebnis ähnelt einer fröhlichen Version von klassischem Military-Look. Falls es mittelfristig nicht mehr wirkt, da ja auch die Überwachungs-KI dazulernt, dann ist es immerhin eine Alternative zu bei Autos heutzutage vorherrschenden Farben wie schwarz, grau oder weiss …

