DNIP Briefing #56: Geld und Geiz

Ölgemälde mit einem Mann, der wenige Münzen auf den Tisch legt, für einen reichen und bedeutenden Mann
Nach: Gemälde Der Zinstag von Albert Anker; 1871, gemeinfrei.

Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u.a. mit nicht gespartem Geld, herausgeworfenem Geld, Geld für Werbung und Geld fürs Nichtstun.

KI führt bei Salesforce zu Mehrkosten

Salesforce (ein Anbieter von Cloud-CRM-Lösungen, also Software zur Kundenpflege) ist seit längerem bezüglich KI sehr aggressiv unterwegs. Unter anderem hat CEO Marc Benoit vor einigen Monaten in einem Interview bekanntgegeben, dass im Customer-Support-Bereich bereits 4000 Stellen «wegen KI» abgebaut worden seien. Besonders drastisch wirkt dies, wenn man sich bewusst wird, dass dieser Bereich vor dem Abbau insgesamt 9000 Stellen hatte.

Doch nun scheint sich das Pendel bereits wieder in die andere Richtung zu bewegen. Mehrere Salesforce-Manager haben in den letzten Wochen kommuniziert, dass die Fähigkeiten von KI massiv überschätzt wurden. Insbesondere kommen die KI-Support-Agenten mit der Komplexität von Kundenanfragen nicht zurecht und scheitern gerade bei komplexeren Problemen regelmässig. Dies hat bereits zu einem deutlichen Rückgang der Servicequalität geführt. Und es bindet auch Ressourcen im Unternehmen. Die verbleibenden 5000 Mitarbeitenden sind verstärkt damit beschäftigt, hinter der KI herzuputzen, Kunden bei Laune zu behalten und KI-generierte Antworten zu korrigieren. Unter dem Strich ist die Produktivität von Salesforce in den letzten Wochen deutlich gesunken.

DeepFake-Millionenraub in der Schweiz

Ok, eigentlich ist es ja kein Raub, nicht einmal Diebstahl, sondern „nur“ Betrug. Trotzdem: Ein Unternehmer aus dem Kanton Schwyz wurde von mittels KI-modifizierter Stimme um mehrere Millionen geprellt. Der Unternehmer glaubte, einen Geschäftspartner am Telefon zu haben, den er bereits kannte. Jedoch waren es nur Betrüger mit einem KI-System, welches ihre Stimme verwandelte.

Zu den schützenden Tipps zählt, bei besonderen Angeboten und Geschäften oder Auslandsüberweisungen immer zusätzliche Verifikationsschritte zu nutzen: Vier-Augen-Prinzip, Kommunikationskanäle aus früheren Kontakten, …

Unter dem Vorwand eines angeblich vertraulichen internationalen Geschäfts ist der Inhaber des geschädigten Unternehmens in der Folge dazu verleitet worden, mehrere Geldtransaktionen im Gesamtwert von mehreren Millionen Franken auszuführen.

Zitat aus dem SRF-Beitrag

Dieser Satz erweckt den Eindruck, dass der angebliche Geschäftspartner dem Schwyzer ein unglaublich gut klingendes oder vielleicht sogar illegales Angebot gemacht hat.

Merke: Wenn das Angebot zu gut klingt um wahr zu sein, ist es das wahrscheinlich auch.

Zu Betrugserkennung bei angeblich «unschlagbaren» Angeboten haben wir auch schon ausführlich geschrieben.

«Schottische» X-Accounts erneut von der Internet-Sperre im Iran betroffen

Die Internet-Sperre im Iran hat (wie schon während den israelischen und US-amerikanischen Luftangriffen im Juni 2025) dazu geführt, dass eine ganze Reihe von sich als schottisch ausgebende X-Accounts über Nacht verstummt sind. Die Accounts gaben vor, von stolzen Schottinen und Schotten betrieben zu werden, und machten sich insbesondere für die Unabhängigkeit Schottlands stark. Dabei schreckten sie auch vor Falschmeldungen nicht zurück, welche unter anderem die militärische Besetzung Schottlands implizierten. Es gibt Hinweise darauf, dass rund ein Viertel der Twitter/X-Accounts, welche sich in Diskussionen um schottische Unabhängigkeit beteiligen, eigentlich Fake-Accounts sind.

Es wundert immer mehr, wieso Kantone und Politiker noch bei Ex-Twitter sind, der Plattform, die der Ryanair-CEO als «Gülleloch» bezeichnet.

[Nachtrag 07:18] Inzwischen gibt es auch erste «Xit»-Forderungen aus Bundesbern, so fordert die SP den Rückzug des Bundesrats von Ex-Twitter.

Agent 00-Copilot meldet sich zum Dienst

Wir bleiben in Grossbritannien und beim Thema KI. Wie The Verge berichtet, hat ein Polizei-Team in Grossbritannien seine Einschätzung zur Sicherheitslage israelischer Fussfall-Fans zumindest teilweise mit Copilot erstellen lassen. Und dieser nahm sich dabei die Freiheit, ein nicht existierendes Fussball-Spiel zwischen West Ham und Maccabi Tel Aviv in den Bericht zu halluzinieren. Der Bericht selbst war die Basis für den Entscheid, israelische Fans nicht zu einem realen Spiel einreisen zu lassen. Ob die Halluzination dabei eine relevante Rolle gespielt hat, ist unklar.

Die Polizei selbst hatte Vorwürfe bezüglich Copilot-Einsatz zuerst abgestritten und auf eine falsch interpretierte Google-Suche verwiesen, der zuständige Polizeichef ist in der Zwischenzeit zurückgetreten. Aber, wie Microsoft in jedem Copilot-Chat warnt: «Copilot kann Fehler machen.»

Egal ob bei Salesforce, bei der britischen Polizei oder in der eigenen Firma: Es muss genug Zeit und Kompetenz da sein, damit der Mensch vor dem Computer den KI-Output auch zuverlässig verifizieren kann.

Geldvernichtungstechnologien

Die beiden Hype-Technologien vor KI sterben langsam vor sich hin: Das Metaverse ist weitgehend verwaist, selbst Meta hat das Personal in den entsprechenden Unternehmensbereichen deutlich reduziert. Und das, obwohl vor noch nicht einmal 5 Jahren Facebook sich ein teures Rebranding auf «Meta» geleistet hat, da man sich voll auf das Metaverse konzentrieren wolle. Doch schon damals waren einige der Schweizer Metaverse-Träume fragwürdig. Nun entlässt auch Meta 10 % seiner Metaverse-Belegschaft.

Auch über die Hälfte der seit 2021 lancierten Cryptowährungen sind bereits wieder vom Markt verschwunden. Wie viel Vermögen dabei vernichtet (oder von Klein“investoren“ zu den grossen Playern verschoben) wurde, lässt sich mangels Transparenz nicht konkret beziffern.

Denn unabhängig davon, ob Metaverse und Kryptowährungen daran schuld ist: Die Verschiebung von Geld hin zu den «grossen Playern» ist real. Oxfam berichtet, dass die zwölf reichsten Menschen – die ersten 6 davon Tech-Milliardäre – inzwischen mehr Geld besitzen als die Hälfte der Menschheit zusammen. Übrigens sind unter diesen ersten zwölf ganze neun Personen aus der Tech-Industrie (und die erste Frau kommt erst auf Platz 15).

Jetzt also doch: ChatGPT neu mit Werbung

War es vor ein paar Wochen noch ein Gerücht, so wird es jetzt Realität: ChatGPT blendet, zumindest in den USA, beim Gratis- und beim günstigsten Bezahlabo neu Werbung ein. Aus Sicht von ChatGPT ergibt dieser Schritt durchaus Sinn: Der Chatbot hat für viele bereits die Google-Suche ersetzt (d.h. Werbeanbieter sind sehr daran interessiert, alternative Werbeflächen zur Google-Suche und weiteren Informationsseiten zu finden), und Werbeeinnahmen könnten mithelfen, die massiven monatlichen Verluste etwas zu reduzieren.

Natürlich betont OpenAI (wie das halt so üblich ist), dass die Werbung keine Auswirkungen auf die Antworten von ChatGPT habe und keine Nutzerdaten oder Gesprächsinhalte an Werbetreibende weitergegeben werden. Aber wie in ähnlichen Fallen auch sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass Werbetreibende nicht trotzdem etwas über einen lernen: ChatGPT wird wohl kaum Hundefutter-Werbung ausspielen, wenn sich die Benutzerin gerade einen Plan für eine Italien-Reise erstellen lässt. Und ob via Cookies und Browser-Fingerprinting Werbetreibende dann nicht doch ein Profil über die Chatthemen erstellen können, wird sich zeigen.

Ausserdem hilft ein kurzer Blick zurück in die Internet-Geschichte: Am Anfang von Googles Erfolg standen zwei Dinge: gute, werbefreie Suchergebnisse und eine im Vergleich zur Konkurrenz einfach (und werbefrei) gehaltene Einstiegsseite. Irgendwann begann Google dann, bei den Ergebnissen Werbung einzublenden, und aus ein paar wenigen, klar markierten Werbeeinträgen wurden mit der Zeit mehr und mehr (bis hin zum Moment, wo Google gute Suchresultate auf Seite 2 verschob, um mehr Werbung anzeigen zu können). Wir wollen nicht behaupten, dass OpenAI genau dies auch im Sinn hat. Allerdings dürfte der Lockvogel «Werbeeinnahmen» auch für das KI-Unternehmen praktisch unwiderstehlich sein.

Denn auch Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp & Co.) war die Versuchung irgendwann so gross, dass sie es sich nicht leisten wollten, 15 Milliarden Werbeeinnahmen von offensichtlichen Betrügern in den Wind zu schlagen.

Und schliesslich:

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4 Antworten

  1. Ich frage mich wirklich, warum Werbung für Unternehmen so unfassbar relevant ist und dafür so viel Geld investiert wird. Ist die Reaktion darauf wirklich so relevant und messbar?

    Lese ich Zeitungen auf Papier, kann mein Auge die Werbung perfekt ausblenden.
    Bei Google-Suchen sind die Werbe“ergebnisse“ klar gekennzeichnet und können ebenfalls ignoriert werden.
    „Blinkende Werbung“ (wenn sie es denn an meinen Anti-Werbe-Einstellungen vorbei schafft) führt bei mir automatisch dazu, diesen Anbieter ganz sicher zu ignorieren und wer mir Werbung in den Briefkasten kippt, muss sich nicht wundern, wenn das ungelesen in der Rundablage landet.
    Im TV sind die Werbephasen die perfekte Zeit, die Keramikabteilung zu besichtigen oder die Katze zu bemuttern.

    Ich habe (für mich) den Eindruck, dass Werbung für mich praktisch vollständig unrelevant ist, penetrante Werber sogar für mich zu einem No-Buy führen und an mir abperlt. Aber offenbar bin ich da speziell.

    1. Vielleicht sind wir ja einfach nicht typische Benutzer? 🙂 Zum Thema Werbung hatte ich noch https://ossa-ma.github.io/blog/openads in der Hand, aber keine Zeit mehr, es DNIP-tauglich aufzubereiten. Auch wenn es deine Frage nicht direkt beantwortet: Offenbar sind viele Unternehmen bereit, für Online-Werbung sehr viel Geld auszugeben. Denke nicht, dass sie das in diesem Umfang tun würden falls es überhaupt keinen Nutzen hätte.

  2. Die Aussage, dass «Salesforce vor dem Abbau insgesamt 9000 Stellen hatte», stimmt so sicher nicht. Allenfalls war das die Anzahl Stellen im Customer Service.

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