Vogt am Freitag: Wellness-Prospekt

Die Medienmitteilung zur Nationalen Cyberstrategie ist ein Meisterwerk der selektiven Wahrheit. Kolumnist Reto Vogt hat den ganzen Bericht studiert.

Die offizielle Medienmitteilung des Bundesrats zur Nationalen Cyberstrategie liest sich wie ein Prospekt für einen Wellness-Urlaub im digitalen Raum. Man vermeldet prominent im Titel «Fortschritte bei der Stärkung der Cybersicherheit». Weiter ist zu lesen, dass neue Gremien «den Austausch verbessern», und man klopft sich dafür auf die Schultern, dass man international den «Cyber-Standort Genf» gestärkt habe.

Alles bestens also im Schweizer Cyberraum? Nicht ganz. Wer sich die Mühe macht, den zugehörigen, 48-seitigen Umsetzungsbericht (PDF) zu lesen, stösst auf ein deutlich nüchterneres Bild. Das ist kein Skandaldokument, gewiss nicht. Aber es enthält eine Reihe von Befunden, die in der Medienmitteilung schlicht nicht vorkommen oder geschönt dargestellt werden.

Das Kleingedruckte

Beginnen wir mit dem vielleicht gravierendsten Fakt, den die Medienmitteilung unterschlägt: der sinkenden Aufklärungsrate bei Cyberstraftaten. Die Medienmitteilung spricht von einer «rascheren Bearbeitung digitaler Straftaten». Der Bericht hingegen zeigt eine Grafik, die das Gegenteil belegt. Die Aufklärungsrate fiel von 44,1 Prozent im Jahr 2020 kontinuierlich auf 18,6 Prozent im Jahr 2024. Cyberkriminelle haben heute in der Schweiz also eine deutlich bessere Chance, mit ihren Verbrechen durchzukommen, als noch vor fünf Jahren.

Stichwort Fachkräftemangel: Die Medienmitteilung schweigt dazu. Der Bericht räumt ein, dass zwei zentrale Programme zur Behebung des Mangels – «Women in Cyber – Talent Academy» und «Cyber4CH» – «wenn möglich» auf 2026 verschoben wurden. Beide befinden sich im Status «noch nicht lanciert». Cybersicherheit steht und fällt mit den Menschen, die sie umsetzen – fehlen die Fachkräfte dafür, wird die Aufklärungsrate kaum besser.

Politisch heikel

Künstliche Intelligenz kommt zwar in der Medienmitteilung vor, primär als Regulierungsthema und als Bedrohung. Was aber fehlt, ist die explizite Warnung des Berichts vor KI-generierten Deepfakes zur Desinformation, Täuschung und Manipulation im Informationsraum. Das ist ein wesentlicher Unterschied: KI als abstraktes Thema zu nennen ist eine Sache. Die konkrete Warnung vor synthetischen Medieninhalten zu verschweigen, eine andere.

Weiter tauchen im Bericht sicherheitspolitisch sensible Akteure auf, die in der Medienmitteilung mit keinem Wort vorkommen: der Nachrichtendienst des Bundes, der seine Fähigkeiten zur Identifikation von Angreifern («Attribution») ausbaut – gestützt auf eine Revision des Nachrichtendienstgesetzes. Und die Schweizer Armee, die ihre militärische «Gesamtkonzeption Cyber» umsetzt und an internationalen Übungen wie «Locked Shields» teilnimmt.

Schliesslich ordnet die Medienmitteilung die rechtlichen Defizite in der Strafverfolgung mindestens anders ein. Sie lobt namentlich ein Gremium wie «Nedik», das für die Sicherstellung von gegenseitigem Wissenstransfer zwischen den Kantonen verantwortlich ist. Es verbessere den Austausch und ermögliche eine «raschere Bearbeitung digitaler Straftaten». Der Bericht hingegen zeigt, woran dieser Austausch in der Realität krankt: Für einen effizienten polizeilichen Informationsaustausch zwischen den Kantonen muss erst eine neue Verfassungsgrundlage geschaffen werden. Und die Arbeiten dazu haben gerade erst begonnen.

Abgeschrieben

Man könnte einwenden, dass Medienmitteilungen nun mal keine Beichten sind. Das stimmt. Aber dann wäre es die Aufgabe der Medien, den Unterschied zu machen. Das ist nur teilweise bis gar nicht passiert. Der gravierendste Befund des ganzen Berichts – die Halbierung der Aufklärungsrate auf 18,6 Prozent – fehlt in allen Artikeln, die ich gefunden habe. Weder PCtipp, Netzwoche noch Inside-IT erwähnten diese Zahl. Die Berichterstattung basiert hauptsächlich auf der Medienmitteilung, statt auf dem Bericht.

Das ist nur ein leiser Vorwurf an einzelne Redaktionen, viele kämpfen mit strukturellen Problemen. Wenn Bundesbehörden gut aufbereitete Medienmitteilungen verschicken und Redaktionen unter Zeitdruck arbeiten, wird selten der ganze Bericht studiert. Das Ergebnis ist eine Berichterstattung, die den Spin des Absenders verstärkt statt hinterfragt. Bei allen drei Magazinen steht das Wort «Fortschritte» im Titel.

Selektive Wahrheit

Das Problem ist nicht, dass der Bericht existiert. Er ist solide, ehrlich und enthält wichtige Selbstkritik. Das Problem ist die Medienmitteilung, die ihn begleitet. Sie filtert so konsequent, dass ein komplett anderes Bild entsteht. Wer nur die Pressemitteilung (oder die darauf basierende Medienberichterstattung) liest, erfährt die oben erwähnten kritischen Punkte nicht. Die Pressemitteilung lügt nicht, aber sie lässt aus. Selektive Wahrheit kann genauso trügen.

Und als wäre das nicht genug: Mitte Woche hat der Bundesrat beschlossen, die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesverwaltung um 25 Millionen Franken zu kürzen und über 60 Stellen abzubauen. Konkret geplant ist unter anderem eine Reduktion der Web- und Social-Media-Auftritte. Man darf gespannt sein, was dann noch von der Kommunikation zur Cyberstrategie (und darüber hinaus) übrig bleibt. Wenn schon die aktuelle Medienmitteilung mehr verschweigt als sie sagt… was kommt dann mit weniger Ressourcen?

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4 Kommentare

  1. Die Kürzung im Kommunikationsbereich könnte den positiven Effekt haben, dass weniger „Spin-Doctors“ an seriösen Berichten herumbasteln.

  2. Danke für das Beleuchten des Berichts und die Einordnung im Vergleich zur Medienmitteilung. Der Kontrast ist deutlich und bedenklich. Ihre Schelte dürfte deutlicher sein: in Richtung der Medienstelle, aber auch in Richtung der Medien selbst. Die Medienstelle arbeitet unredlich, und das schädigt in der Konsequenz das Vertrauen in staatliches Handeln – Hausaufgaben nicht richtig gemacht. Vielleicht ist es eine gute Tat, hier deutlich Mittel zu streichen: die Medienstellen haben dann weniger Zeit zum „Schönen“ und nur noch für den eigentlichen Daseinszweck: nüchtern und sachlich korrekt berichten, was in der Verwaltung läuft. Und in Richtung der Medien: mit den verfügbaren KI-Anwendungen wäre es ein Leichtes, Medienmitteilung und Bericht zu vergleichen. Wenn man die Mechanik jetzt kennt, dass Medienstellen der Behörden ihre Mitteilungen tendenziell schönbiegen, dann kann doch jeder einzelne Medienschaffende gezielt diesen Sachverhalt rasch prüfen: was verschweigt die Medienmitteilung, was im Bericht an Kritischem oder Negativem enthalten ist? Noch besser ist der Weg, den Reto Vogt beschreitet: journalistisches Handwerk heisst, sich sachkundig machen. Und da hilft vielleicht KI, aber es ist die Anstrengung des Menschen, die den Unterschied macht. Danke!

    1. Habe aus reiner Neugier Copilot auf den Bericht angesetzt. Man muss schon recht gezielt fragen, um die KI dazu zu bringen, kritische/negative Aspekte zu finden. Da ist man vermutlich mit Durchlesen schneller, trotz 48 Seiten.

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