Tech-Plattformen sind so gebaut, dass sie abhängig machen. Das ist keine neue Information, jetzt aber erstmals in einem historischen Gerichtsurteil festgehalten. Kolumnist Reto Vogt schreibt, was wir daraus lernen können.
Verantwortung, Haftbarkeit, Sorgfalt, Konsequenzen: Für Konzerne wie Meta, TikTok oder Google bislang allesamt Fremdwörter. Eine kalifornische Geschworenen-Jury hat diese Woche einen Präzedenzfall geschaffen, der dies endlich ändern könnte.
Das Gericht hielt fest, dass Meta und Google ihre Plattformen und die Algorithmen dahinter so gestaltet haben, dass sie junge Nutzer süchtig machen, ohne Rücksicht auf deren Wohlergehen zu nehmen. Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal wurden Tech-Konzerne für das Design ihrer Produkte haftbar gemacht, nicht für die Inhalte darauf.
Das Design war Absicht
Drei Millionen Dollar Schadenersatz soll die 20-jährige Klägerin erhalten, weitere drei Millionen sollen die Unternehmen Strafe zahlen, weil diese nach Ansicht der Geschworenen mit böswilliger Absicht gehandelt hatten. Wie hoch die Bussen am Ende ausfallen, werden die Richter entscheiden. Aber das spielt eigentlich gar keine Rolle.
Es geht um viel mehr. Das Urteil könnte die Big-Tech-Konzerne in ihrem Innersten treffen, weil es nicht auf die Inhalte, sondern die Plattformlogik zielt: Infinite Scroll, Autoplay, Benachrichtigungen, Filter Bubble und Echokammer. Alles Features, die bewusst eingebaut wurden, damit Nutzer:innen nicht loslassen. «If we wanna win big with teens, we must bring them in as tweens.» Dieses Zitat aus den Gerichtsakten stammt aus einem internen Meta-Dokument und es bringt die Strategie der Konzerne auf den Punkt: Wenn die Plattform bei den Teenagern erfolgreich sein will, müsse sie schon im Alter von 9 bis 12 zu rekrutieren beginnen.
Die Zigarette des 21. Jahrhunderts
Dass es funktioniert, ist offensichtlich. Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt, dass sich bei 21,5% der Zehn- bis 17-Jährigen eine riskante Social-Media-Nutzung zeigt. 6,6% gelten bereits als süchtig, was einem Anstieg von fast 40% innerhalb eines Jahres entspricht. Die Zahlen in der Schweiz dürften nicht viel anders aussehen. Ein deutscher Bundestagsabgeordneter brachte es auf den Punkt: «Social Media ist die Zigarette des 21. Jahrhunderts.»
Der Vergleich ist nicht zufällig. In den 1990er-Jahren wurde die Tabakindustrie in den USA gezwungen, Milliarden zu zahlen und aufzuhören, Minderjährige gezielt zu vermarkten. Weil Big Tech heute ähnlich agiert, wurde das Urteil auch als «Big Tobacco-Moment» der sozialen Medien bezeichnet.
Ein Signal, drei Empfänger
Das Urteil in Los Angeles ist ein dreifaches Signal: an die Industrie, dass das Design ihrer Produkte Konsequenzen hat; an die Politik, dass freiwillige Selbstverpflichtungen nicht reichen; und an Eltern: Die Plattformen wurden nicht für eure Kinder gebaut. Sie wurden aus euren Kindern gebaut.
In Teilen der Politik ist das auch hierzulande angekommen. Das Plattformgesetz ist in Vorbereitung, die Internet-Initiative wurde lanciert. Aber es dauert. Alles dauert viel zu lange. Währenddessen nutzen Schweizer Kinder dieselben Plattformen, mit denselben Algorithmen, denselben Designentscheidungen.
Dieser Präzedenzfall ist ein Momentum, das genutzt werden sollte. Selbst wenn Meta und Google in Berufung gehen und das Urteil gekippt wird.