DNIP-Briefing #93: Alles überbewertet

Riesiger Schatten eines kleinen Menschen, schwarzweiss

Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit vielen Dingen, die aktuell überbewertet werden.

KI-Unternehmen finanzieren sich nach Prinzip Hoffnung

Solange KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic nicht börsenkotiert sind, müssen sie ihre Finanzzahlen nicht offenlegen. Entsprechend schwierig ist es für die interessierte Öffentlichkeit, zu erkennen, ob sich die Unternehmen auf dem Weg in die Gewinnzone befinden (wie sie selbst gerne behaupten) oder trotz steigender Einnahmen die Verschuldung wegen ebenfalls steigenden Kosten weiter anwächst (wie man von aussen vermuten kann).

Sowohl OpenAI wie auch Anthropic streben nun in absehbarer Zeit den Gang an die Börse an. Für einen solchen ist eine Offenlegung der Finanzen allerdings Voraussetzung, bei einem Blick in die Zahlen tun sich Abgründe auf:

  • OpenAI hat in 2025 rund 13 Milliarden USD eingenommen, ein deutlicher Anstieg gegenüber 2024 (rund 3.7 Milliarden USD). Gleichzeitig ist der Verlust von 5 Milliarden USD in 2024 auf rund 38 Milliarden USD in 2025 angestiegen. Der Verdreifachung der Einnahmen steht also fast eine Verachtfachtung des Verlusts gegenüber.
  • Anthropic hat in 2025 rund 4.6 Milliarden USD eingenommen, im selben Jahr allerdings trotzdem 42 Milliarden USD Verlust eingefahren. Und noch viel dramatischer: Es bestehen Verpflichtungen über rund 500(!) Milliarden USD für zukünftige Cloud- und Rechenleistungskosten (also Zahlungsversprechungen, welche Anthropic seinen Lieferanten abgegeben hat, damit diese die entsprechenden Rechenzentren bereitstellen).

Beide Unternehmen haben Hochrechnungen publiziert, welche massiv höhere Einnahmen in 2026 belegen sollen. Hier ist allerdings zu beachten, dass solche Hochrechnungen typischerweise nur auf einem kurzen Zeitfenster basieren, und keine verlässliche Aussage für 2026 erlauben.

Finanzanalysten bei Reuters und Bloomberg setzen daher grosse Fragezeichen hinter dem von Anthropic angestrebten Börsenwert von 2 Billionen USD. Neben der trüben finanziellen Lage wird dabei auch auf die inhärenten Risiken von KI-Modellen verwiesen und die Frage in den Raum gestellt, ob ein auf solch hoch-riskanten und offenbar schwer beherrschbaren Modellen effektiv ein nachhaltiges Business-Modell aufgebaut werden. Sehr konkret werden die Analysten von New Constructs: sie sehen in Anthropics Börsengang das absurdeste IPO von 2026 und ein beispielloser Test der Leichtgläubigkeit von Anlegern. Sie weisen auch darauf hin, dass die wachsenden Verluste im Tagesgeschäft (d.h. der Umstand, dass Anthropic mit jedem verkauften Token Verlust macht) und die zunehmende Bedeutung von Open Source-Modellen es für Anthropic schwierig machen wird, mittelfristig zu überleben.

KI als Spiel: Überbewertet

Jan Schaumann findet, KI sei kein Spiel. Vor allem sei es kein Spiel, das man gewinnen könne. Obwohl allenthalben von „Winning AI“ die Rede sei, also „bei KI zu gewinnen“. Zumindest sei es kein Spiel im klassischen, spieletheoretischen Sinn, weil man nämlich niemandem etwas wegnehme, wenn man besser werde. Sondern weil jeder Forschungsschritt uns als Menschheit etwas weiter bringen würden, egal, wer ihn jetzt machen würde.

Laut Schaumann könne man den Wettbewerb unter den KI-Firmen weder mit dem Manhattan Project (wo es um den ersten Platz beim Bau der Atombombe ging) noch mit dem Kampf um die Ressourcen unseres Planeten vergleichen. Er schliesst diesen Vergleich mit den Worten:

This is why you can „win“ at oil, but not at renewable energy.

(Deutsch etwa: Deshalb (also auf Grund der Vorüberlegungen) könne man zwar bei sowas wie Öl „gewinnen“, nicht aber bei erneuerbaren Energien.)

Zur Abwechslung mal ein etwas philosophischerer Text über KI.

Und natürlich wirft er im Text auch die Frage auf, „But wHaT iF CLaUDe iS cONscIoUs?“, in genau dieser Schreibweise. An dieser Stelle macht es Sinn, auf Eliza zurückzugreifen, auf den Chatbot aus den 70ern, der aufgrund von Stichwörtern eines von ein paar hundert Satzmustern als Gegenfrage auswählte. Auch da kam schon die Vermutung nach dem Bewusstsein auf:

Die Versuchspersonen in den Experimenten waren zu einem großen Teil sogar überzeugt, dass der „Gesprächspartner“ ein tatsächliches Verständnis für ihre Probleme aufbrachte.

Wikipedia-Eintrag zu Eliza

«Spielen wir eine Runde „War Games“?» (oder: «Want to play a game?»)

Laut einem CNN-Bericht hätte ein KI-System die USA fast zu einer militärischen Aktion gegen China verleitet. So hatte das System aus der Unzahl der vorliegenden Informationen ein paar Puzzlestücke so zusammengesetzt, dass die Aussage heraus kam, dass ein chinesisches Schiff im Mittleren Osten Komponenten für ein Atomwaffenprogramm transportieren würde. Laut einer CNN-Quelle hätte dieser völlige Fehlschluss „fast einen Krieg gestartet“.

Wie kann das passieren? Wenn man genügend viele Puzzleteile hat, findet man immer ein paar, die von der Form her zusammenpassen. Ob das Bild dann auch passt, ist Nebensache. Gute Beispiele für solche Korrelationen ohne kausalen Zusammenhang findet man bei Tyler Vigen oder in der Studien, welche zu viele Parameter haben (wie dieser absichtlich schlecht designten Studie, dass Schokolade beim Abnehmen helfe) oder dieses XKCD-Comics zu Jelly Beans über p-Hacking.

Oder anders gesagt: Mehr Daten machen nicht automatisch schlauer. Wenn man den Heuhaufen genügend gross macht, wird man etwas finden, dass wie eine Nadel aussieht. Ob es aber die gewünschte (oder überhaupt eine) ist, bleibt fraglich.

Wird Privatsphäre überbewertet?

Der Niederländer Theo van der Sluijs hat einen Online-„Lecktest“ programmiert, der den Umgang von Webseiten mit unserer Privatsphäre illustriert. Gemessen wird unter anderem, welche Daten schon vor dem Datenschutz-/Cookie-Dialog an Drittparteien abfliessen und welche trotz möglichst intensivem Ablehnen das weiterhin tun. Je nachdem vergibt er amerikanische Schulnoten von A bis F.

Nach dieser Bewertungsskala wird der Blick mit einem „A“ benotet, die NZZ mit einem „C“, der Tagesanzeiger mit einem „E“.

Wer sich tiefer mit der Materie beschäftigen will: Marc Véron hat vor einigen Jahren gemeinsam mit der WoZ das Thema Dateninkontinenz analysiert. Mit dem Firefox-Addon Lightbeam kann man die Datenbeziehungen einer Webseite selbst visuell ansprechend anschauen. Und natürlich kann man sich auch (teilweise) selbst gegen dieses Tracking schützen.

Wer mehr über das Verhalten einer Webseite bzw. einer Domain wissen will, kann auch den Hosting-Checker (ebenfalls von Theo van der Sluijs) oder den öffentlichen Security-Test von Hardenize ausprobieren. Und daraus die eine oder andere Verbesserung umsetzen.

Passwörter werden überbewertet

Im September 2026 wurde das dänische CPR (quasi das Zivilstandsregister) gehackt, während rund 21 Tagen hatten die Angreifer ungehinderten Zugriff auf die rund 8.8 Millionen Einträge. Wie jetzt bekannt wurde, erfolgte der Angriff über die Systeme einer Drittfirma, welche ihrerseits einen technischen Zugang zum CPR hatte. Den Hackern kam dabei zu Hilfe, dass mindestens drei Accounts in diesem Zwei-Personen-Unternehmen mit dem Passwort „123456“ „geschützt“ waren, darunter auch ein Administratoren-Account. Und offenbar hielt man es nicht einmal für notwendig, sich mittels Mehrfaktorenauthentisierung gegen allzu simple Passwörter (oder deren Verlust) zu schützen.

Mit anderen Worten: Der beste Zugriffsschutz nützt wenig, wenn (grundsätzlich berechtigte) Dritte ihre eigenen Systeme nicht schützen. In der Schweiz dürften hier Erinnerungen an Xplain wach werden (sowie allenfalls an den kürzlich bekanntgewordenen Datenabfluss bei der Pensionskasse des Bundes, auch wenn dort die Analyse noch läuft).

Bots werden überbewertet

An der nach den ukrainischen Angriffen auf Rechenzentren von Yandex wiederholt geteilten Story der zurückgegangen Bot-Aktivitäten zugunsten der AfD ist vermutlich auf ein Missverständnis zurückzuführen, was mit „Bots“ in unterschiedlichen Kontexten eigentlich gemeint ist. netzpolitik.org ist der Sache nachgegangen und hat keine schlüssigen Beweise gefunden.

Dauerhaftigkeit von Rechenzentren wird überbewertet

Die iranischen Angriffe auf Amazon-Rechenzentren im März haben zu unwiederbringlichen Datenverlusten geführt. Die russischen Angriffe gegen die Ukraine letzten Monat haben ebenfalls mehrere Datenzentren in Mitleidenschaft gezogen. Und in der letzten Woche hat die Ukraine sich auch den russischen Rechenzentren angenommen und damit viele der in Russland beliebten bis unentbehrlichen Yandex-Clouddienste eingeschränkt oder (kurzfristig) ausser Betrieb genommen.

Rechenzentren werden in den nächsten Jahren Ziele militärischer oder terroristischer Angriffe bleiben. Um so wichtiger ist es, dass wichtige Daten nicht nur an einem Ort gespeichert werden, sondern an mehreren. Und wie das Amazon-Beispiel gezeigt hat, reichen ein paar Dutzend Kilometer Abstand zwischen Rechenzentren nicht aus, da die drei Zentren rund um Bahrain gleichzeitig betroffen waren. Und manchmal reicht auch ein Cloud-Provider nicht.

Und wenn man seine Daten einem Cloud-Dienstleister übergibt, sollte man darauf achten, dass dieser auch diese Risiken in seine Planung einbezieht. Auch die Ukraine scheint rechtzeitig daraus ihre Lehren gezogen zu haben und betreibt anscheinend viele der essenziellen IT-Funktionen dezentral.

Und schliesslich:

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