KI bekommt plötzlich Gesichter, Namen und Persönlichkeit. Kolumnist Reto Vogt erklärt, warum ausgerechnet die mächtigsten Systeme immer niedlicher werden.
Es hat grosse Augen, hört zu, antwortet und soll seine Nutzer:innen mit der Zeit immer besser kennenlernen. Muse Charm heisst das neue KI-Gadget von Meta, das wie ein Anhänger getragen werden kann. Wer dabei an ein Tamagotchi denkt, liegt nicht ganz falsch. Nur dass wir uns diesmal nicht um das digitale Wesen kümmern sollen, sondern das digitale Wesen um uns. Der Assistent soll Aufgaben erledigen, Nutzer:innen kennenlernen, ihm proaktiv helfen.
Meta ist damit nicht allein. OpenAI hat diese Woche Dots vorgestellt: animierte KI-Figuren, die einen Namen bekommen, Aufgaben übernehmen und ebenfalls ihre Nutzer:innen kennenlernen sollen. Offenbar ist das die nächste Evolutionsstufe der künstlichen Intelligenz: Erst lernte sie schreiben, dann sprechen und selbstständig handeln. Und nun bekommt sie Kulleraugen.
Vertrauen durch Gestaltung
Zufall? Gewiss nicht. Die nächste KI-Generation will nicht mehr nur Fragen beantworten, Artikel zusammenfassen, Notizen strukturieren oder über bessere Formulierungen sinnieren. Es geht darum, Rechnungen zu sortieren, Coiffeurtermine zu buchen, Ordnung ins Dokumentchaos auf dem Desktop zu bringen oder eine Reise zu planen und zu buchen. Damit das funktioniert, brauchen die KI-Systeme Zugriff auf unser digitales Leben. Und unser Vertrauen.

Vertrauen kann man sich erarbeiten. Im zwischenmenschlichen Bereich entsteht es durch Erfahrungen: Jemand hält sein Wort, handelt verlässlich und enttäuscht nicht. Bei Technologie sollte das nicht grundlegend anders sein. Wir vertrauen einem System, weil es zuverlässig funktioniert, transparent mit unseren Daten umgeht und uns die Kontrolle darüber lässt, was es tun darf. Eigentlich. Nur: Vertrauen lässt sich auch anders erzeugen: durch Gestaltung. Menschen neigen dazu, technischen Systemen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, sobald diese entsprechend auftreten. Es braucht wenig, dass aus einer Software ein echtes Gegenüber wird. Ein Name, eine Stimme und ein Gesicht reichen meistens schon.
Die Kulleraugen-Strategie
Und genau hier kommen bei den KI-Systemen von Meta und OpenAI die Kulleraugen ins Spiel. Muse und Dots sind mit Absicht keine abstrakten Symbole, sondern niedliche Figuren mit Gesichtern. Was härzig ist, ist einem nah. Und was uns nahbar erscheint, dem vertrauen wir eher. Aber ein Gesicht macht eine KI nicht zuverlässig, ein Name macht sie nicht verantwortungsbewusst, und eine freundliche Stimme bedeutet nicht, dass man ihr vertrauen sollte.
Dass diese Rechnung aufgeht, zeigt die Studie «The Effects of AI Anthropomorphism on Trust and Responsibility» der Universität Toronto vom Juni 2026. Versuchspersonen vertrauten einem Chatbot stärker, wenn dieser menschlicher kommunizierte. Noch interessanter ist ein zweiter Befund: Je mehr Verantwortung die Versuchspersonen der KI selbst zuschrieben, desto weniger sahen sie das Unternehmen dahinter in der Verantwortung.
Aber so unschuldig Muse und Dots auch wirken und so wenig sie selbst Absichten oder Geschäftsinteressen hätten, die Konzerne dahinter haben all das sehr wohl. OpenAI und Meta wollen, dass ihre KI möglichst häufig genutzt wird, dass Nutzer:innen ihr vertrauen und dass sie in den Alltag möglichst vieler Menschen integriert ist.
Je besser KI-Systeme wissen, was uns interessiert, mit wem wir kommunizieren, welche Termine anstehen und welche Tools wir nutzen, desto nützlicher können sie für uns werden. Und je nützlicher sie werden sollen, desto mehr müssen wir ihnen erlauben. Genau deshalb ist die Anthropomorphisierung, also die Vermenschlichung der KI, nicht nebensächlich.
Besonders heikel ist das Kindern, weil sie für solche Mechanismen speziell empfänglich sind. Eine aktuelle Untersuchung mit 3- bis 6-Jährigen zeigt, dass diese technische Systeme stärker vermenschlichen als Erwachsene und menschliche Merkmale wie Augen und Gliedmassen diesen Effekt verstärken. Eine zweite Studie bestätigt den Befund und kommt zum Schluss, dass anthropomorph gestaltete KI die Entscheidungen von Primarschulkindern stärker beeinflussen kann als eine mechanische.
Mit Absicht niedlich
Dass Meta von solchen Mechanismen nichts weiss und Muse rein zufällig mit Kulleraugen versehen hat, darf bezweifelt werden. Indes: Das Problem betrifft nicht nur Kinder. Auch Erwachsene vermenschlichen Maschinen, vertrauen ihnen schnell und vergessen dabei, wer eigentlich hinter ihnen steht. Stichwort: Automation Bias. Genau darin liegt die eigentliche Funktion dieser neuen KI-Figuren: Sie geben einer Technologie ein Gesicht, die immer tiefer in unser Leben eindringen soll.
Beim Tamagotchi war immerhin klar, wer hier wen brauchte. Wir fütterten es, kümmerten uns darum und hielten es am Leben. Bei Muse und Dots könnte es umgekehrt sein: Wir lassen sie immer mehr über uns wissen, immer mehr für uns entscheiden und immer mehr für uns erledigen. Doch je näher uns die KI kommen will, desto mehr Distanz wäre eigentlich angebracht.
Vogt macht Ferien. Die nächste Kolumne erscheint voraussichtlich am 23. Oktober.
