Vogt am Freitag: Scheinriese

Die Post feiert fast eine halbe Million neue Nutzer:innen beim digitalen Briefkasten. Kolumnist Reto Vogt hat hineingelinst und gesehen, dass dort kaum Post liegt.

Scheinriese. So nennt Michael Ende in «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» eine Figur, die aus der Ferne gewaltig wirkt und schrumpft, je näher man ihr kommt. Ich habe das Buch meinen Söhnen vorgelesen, lange bevor ich ahnte, dass ich den Scheinriesen einmal in einem Halbjahresbericht der Post wiederfinden würde.

So geschehen in den aktuellen Halbjahreszahlen des Konzerns. Im Kapitel zu den «Digital Services» haben mich zwei Zahlen hellhörig gemacht: Darin steht, dass 630’954 Nutzerinnen und Nutzer heute E-Post-Dienstleistungen nutzen würden. Gegenüber dem Vorjahr bedeute das einen Zuwachs von 461’419 Personen. Darüber hinaus seien 4,3 Millionen elektronische Sendungen über «Meine digitale Post» abgewickelt worden – knapp drei Viertel mehr als ein Jahr zuvor, damals waren es 2,5 Millionen.

Riesige Zahlen, die die Post kommuniziert. Bloss: Eindeutig sind sie nicht. Eine Nutzer:in kann vieles sein – eine Registrierung, ein Download, ein Nutzerkonto, aktiv oder passiv, mal bewusst, mal eher beiläufig aktiviert. Und eine elektronische Sendung muss nicht zwingend digital zugestellt werden, sondern kann auch physisch im richtigen Briefkasten landen, indem sie von der Post ausgedruckt und vom Pöstler ganz traditionell zugestellt wird.

Aber sind die Zahlen nun nur scheinbar gross oder tatsächlich? Das wollte ich von der Post wissen und habe eine Handvoll Fragen geschickt. Zum Beispiel wollte ich wissen, wie genau sich der Aktivierungsprozess gestaltet, wie viele der 630’954 Konten keine einzige Sendung erhalten haben und wie oft diese den Dienst im Schnitt tatsächlich nutzen. Und natürlich auch, warum sich ein derart grosses Nutzerwachstum kaum beim Umsatz niederschlägt und ob die Anhäufung von Nutzerdaten am Ende einem ganz anderen Geschäftszweck dient.

Die Post hat geantwortet. Der Reihe nach:

  • Es handle sich um ein aktives Opt-in. Wer digitale Post erhalten oder versenden wolle, müsse den Dienst bewusst aktivieren.
  • Von den 4,3 Millionen elektronischen Sendungen seien 2,5 Millionen in der App zugestellt worden, der Rest im physischen Briefkasten.
  • Die digitalen Zustellungen würden im Schnitt rund 1,3 App-Aufrufe pro Nutzer:in im Monat auslösen.
  • Wie viele der 630’954 Konten in den letzten sechs Monaten überhaupt keine Post erhalten haben, will die Post nicht sagen. Man werte nicht aus, «welche Briefkästen wie viele oder keine Sendungen enthalten», heisst es.
  • Zur Monetarisierung bleibt die Post vage: Der digitale Brief sei «eines von vielen Angeboten», man wolle «wirtschaftlich tragfähig» sein, und wie alle digitalen Geschäftsmodelle werde man «durch Skalierung profitabel». Wann, mit welchem Mechanismus, an welcher Zielgrösse gemessen – dazu kein Wort.
  • Die Frage, hinter der Aktivierungswelle stecke die stille Anhäufung verifizierter Identitäten für andere Sparten, verneint die Post. Es gebe keine Weitergabe an Dritte.

Die Transparenz der Post bei manchen Fragen ist lobenswert. Sie relativiert die öffentlich kommunizierten Zahlen durchaus. Eine knappe halbe Million neuer Nutzer:innen schrumpft unter dem Strich auf einen guten App-Aufruf im Monat pro User. Oder anders gerechnet: 2,5 Millionen Sendungen verteilt auf 630’954 Accounts ergeben in 6 Monaten gerade einmal knapp 4 digitale Briefe pro Person (also nicht einmal ein Brief alle sechs Wochen). Wie viele inaktive Konten dazu zählen, verrät die Post nicht. Es ist also wie bei Michael Endes Scheinriese: Er wird immer kleiner, je näher man ihm kommt.

Während die Post bei der Nutzung Klartext redet, hält sie sich bei Umsatz und Finanzen zurück. Das erstaunt nicht: Der Bereich «Digital Services» ist seit je defizitär. Und auch in der abgelaufenen Periode schreibt der gelbe Scheinriese 40 Millionen Franken Verlust, nach 29 Millionen im Vorjahr. Daran wird auch der digitale Brief kaum etwas ändern. Seit dem 1. April 2026 gehört er offiziell zum Service public. Nicht finanziert vom Bund, aber durch Millionengewinne anderer Postdienste wie Logistik oder Postfinance. Meine These: Der digitale Brief rettet das schrumpfende Papiergeschäft nicht, sondern reiht sich nahtlos in die Reihe subventionierter Baustellen ein.

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3 Kommentare

  1. Marketingtexte, die einer genaueren Überprüfung nicht wirklich standhalten.

    Ich erinnere mich an die Deutsche Bahn, die ein Jahr nach der Einführung des ICE stolz verkündete „Das Angebot des ICE wurde überraschend gut angenommen“.
    Und ich so, der damals die Strecke Norddeutschland – Schweiz regelmässig gefahren bin: Kunststück. Die ICE-Verbindung ist zwar jetzt etwa eine halbe Stunde schneller wie die alte Verbindung (Grund war die Einführung einiger neuer Schnellstrecken), dafür galt aber der „besondere ICE Fahrpreis“ (teurer) und die klassischen Verbindungen mit Intercity waren mehr als eine Stunde länger geworden (der ICE hatte also über 1.5 Stunden Vorteil), weil es nicht mehr mit maximal 1x Umsteigen ging, sondern locker 3-5x Umsteigen benötigte. Und schon damals hat jedes Umsteigen das Risiko besessen, die Anschlussverbindung zu verpassen.

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