Vogt am Freitag: Pflicht

Wer Microsoft 365 nutzt, zahlt ab Juli mehr. Die Preiserhöhung gilt für alle, ob die neuen Funktionen gewünscht sind oder nicht. Kolumnist Reto Vogt über die Strategie dahinter.

Seit Anfang Monat zahlen Unternehmen rund um den Globus mehr für ihre Microsoft-365-Lizenzen. Je nach Lizenzmodell beträgt der Preisaufschlag bis zu 33 Prozent. Kommuniziert wurden die Mehrkosten im Dezember vergangenes Jahr; in der Folge eröffnete die Wettbewerbskommission eine Vorabklärung wegen «Hinweisen auf unzulässige Wettbewerbsbeschränkungen».

Ein Rechenbeispiel: Die Lizenz für «Microsoft 365 E3», die in den meisten Grossunternehmen im Einsatz ist, kostet seit Anfang Monat 39 statt 36 Dollar. Das klingt nicht nach viel, aber bei 50’000 Mitarbeitenden betragen die Mehrkosten 150’000 Dollar im Monat – oder 1,8 Millionen Dollar im Jahr. Geld, das auch in einem Konzern (oder einer grösseren Verwaltung) zuerst erwirtschaftet werden muss.

1100 fadenscheinige Gründe

Die höheren Kosten begründet Microsoft mit neuen Funktionen, die in der Produktpalette integriert worden sind. 1100 davon sind es laut dem Unternehmen. (Ich habe nicht nachgezählt, aber bei Angaben wie dieser gilt sowieso: Wer seine Zahlen nicht frisiert, werfe den ersten Stein.) Im Zentrum der Neuerungen steht eindeutig die KI Copilot, aber auch in anderen Bereichen seien Fortschritte erzielt worden; Microsoft nennt unter anderem Sicherheit und IT-Management.

Aber ganz egal wie viele Neuerungen es unter dem Strich tatsächlich sind: Alles ausser Copilot ist Commodity. Microsoft geht’s einzig und allein darum, die entstehenden Kosten, die durch die Nutzung von KI entstehen, auf die Kunden abzuwälzen. Deshalb aktiviert Microsoft den Chatbot «Copilot Chat» standardmässig bei allen Unternehmenskunden, ob diese ihn wollen oder nicht, brauchen oder nicht. Wie das im Schweizer Parlament geschehen ist, das die Chatfunktion ungefragt serviert bekam.

Copilot für alle

Exemplarisch dafür stehen die Frontline-Lizenzen (Microsoft 365 F1 und F3), die zum Beispiel fürs Pflegepersonal oder Fabrikarbeiter:innen, gedacht sind. Prozentual sind dort die Preiserhöhungen mit 25 Prozent bzw. 33 Prozent am höchsten, aber mit der KI können diese Personen in ihrem Alltag wahrscheinlich am wenigsten anfangen. Oder gar nichts.

Und auch Unternehmen, die aus bestimmten Gründen, zum Beispiel wegen Datenschutz, aus Prinzip oder schlichtem Desinteresse auf die Microsoft-KI verzichten wollen, können das, allerdings zahlen sie trotzdem für die Funktionen.

Zahlungspflicht

Für Schweizer Organisationen ist die Situation keine andere als anderswo auf dem Globus. Microsoft 365 ist überall omnipräsent – in Verwaltungen, Schulen, KMU und Grossunternehmen. Ein Wechsel zu einer anderen Produktivitätssuite ist für die meisten keine realistische Option: zu gewachsen die Strukturen, zu gross die Abhängigkeiten, zu eingespielt die Workflows, zu mühsam und zu teuer ein Wechsel. Und welcher 55-jährige CIO schnallt sich im Herbst seiner Karriere noch ein grosses IT-Projekt an, bei dem es wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren gibt? Eben.

Microsoft weiss das. Und nutzt das aus.

Genau das ist das eigentliche Problem. Nicht die Preiserhöhung an sich, Unternehmen dürfen ihre Produkte bepreisen, wie sie wollen. Das Problem ist die Methode: Offensichtlich haben bislang zu wenige Microsoft Copilot zusätzlich abonniert. Wenn ein Unternehmen sein Produkt auf dem freien Markt nicht platzieren kann, weil die Nachfrage fehlt, bündelt es sie einfach mit dem, was alle ohnehin brauchen. Ein besseres Produkt entsteht so eher selten.

Was macht die Weko?

In einer Zeit, in der die Schweiz über digitale Souveränität debattiert, über Abhängigkeiten von US-Konzernen, über die Frage, wer die Infrastruktur der Zukunft kontrolliert … In genau dieser Zeit erhöht der grösste und wichtigste Softwarelieferant des Landes seine Preise um bis zu einem Drittel. Und (fast) niemand kann Nein sagen.

Derweil dauern die Vorabklärungen der Weko seit Januar 2026 ohne ein Update an. Bis ein Urteil feststeht, zahlen (fast) alle mehr. Und Microsoft baut schon die nächste Abhängigkeit auf.

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Ein Kommentar

  1. Der „Sündenfall“ war der Wechsel von der Kaufsoftware Microsoft Office, die man viele Jahre, ja sogar noch heute, benutzen kann, zum Mietmodell M365. Für alle, die das nicht gemerkt haben, empfinde ich ein „selber schuld“. Wenn das aber die öffentliche Hand betrifft, macht es mich wütend. Landein, landaus verschleudern fast alle unsere Behörden und Räte unötig unser Steuergeld, und noch schlimmer, fixen unsere Kinder mit M365 in den Schulen an, so dass sie später Tausende Franken ausgeben müssen, wenn sie der Falle nicht entkommen. Was die wenigsten schaffen.

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