Vogt am Freitag: Durst

Ein erfundenes Zitat von Jeff Bezos ging viral. Die echten Zahlen zum Wasserverbrauch seiner Rechenzentren nicht. Kolumnist Reto Vogt findet das bezeichnend.

Ich sitze in einem Berner Altstadthotel. Die Hitze hat sich über Nacht in den Gassen aufgestaut und drückt von aussen gegen die Fenster. Neben mir steht ein Ventilator, und ich frage ChatGPT, wo das nächste Freibad ist. (Okay, das ist ein bisschen geflunkert. So was würde ich eine KI nie fragen, aber die Geschichte funktioniert besser so.)

Wir alle nutzen KI, nutzen Google oder eine Mischung daraus. Damit die Werkzeuge funktionieren, laufen drüben in Virginia und an vielen anderen Orten der Welt gigantische Kühlanlagen. Während wir also nach einer Abkühlung suchen, verdunstet irgendwo ein ganzes Schwimmbecken dafür.

Amazon hat kürzlich offengelegt, wie viel Wasser genau. Na ja, zumindest fast. Der Konzern formuliert es so:

In 2025, we withdrew about 2.5 billion gallons across our entire global data center footprint during the whole year.

To withdraw bedeutet «entnehmen». Amazon entnahm 2025 verschiedenen Quellen wie Flüssen, Grundwasser oder gereinigtem Abwasser weltweit umgerechnet rund 9,5 Milliarden Liter Wasser für seine Rechenzentren. Gleichzeitig erklärt der Konzern, er habe über Wasserprojekte bereits drei Viertel seines Ziels erreicht, für jeden verbrauchten Liter Wasser mehr als einen Liter an die betroffenen Regionen zurückzugeben. Wie viel des entnommenen Wassers in den Rechenzentren tatsächlich verdunstete oder anderweitig verbraucht wurde, sagt Amazon natürlich nicht.

Greenwashing bei Amazon

Warum ist das wichtig? Weil sowohl ein Verbrauch von 90 Prozent als auch von 20 Prozent der 9,5 Milliarden Liter Wasser zu drei Vierteln kompensiert werden können. Amazons Verweis auf sein Water-Positive-Programm, das auf externen Wasserprojekten basiert, klingt gut. Unter dem Strich beantwortet die Zahl die entscheidende Frage jedoch nicht: Wie hoch ist der tatsächliche Wasserverbrauch der Rechenzentren? Für mich hat diese Kommunikation deshalb den Charakter von Greenwashing: Amazon lenkt den Blick auf Kompensationsprojekte, statt den tatsächlichen Wasserverbrauch seiner Rechenzentren offenzulegen.

Amazon ist zudem nur einer von mehreren grossen Cloud-Anbietern weltweit. Auch Microsoft, Google und Meta betreiben global riesige Rechenzentren und benötigen dafür erhebliche Mengen Wasser. Umso wichtiger wären vergleichbare Kennzahlen zum tatsächlichen Wasserverbrauch statt Kompensationsquoten und Nachhaltigkeitsversprechen.

So viel zu dieser Geschichte. Erzählt wurde diese Woche jedoch eine ganz andere.

Die Menschen trinken der KI das Wasser weg

Im Internet kursierte ein Zitat von Amazon-Chef Jeff Bezos, angeblich gesagt an der Konferenz in Paris: «Biological limits are real, but digital potential is infinite. Sometimes you have to prioritize the intelligence that will save us over the biology that slows us down.» Sinngemäss übersetzt heisst das auf Deutsch: Wir Menschen trinken zu viel Wasser, das eigentlich den Rechenzentren gehört.

Aber das Zitat ist erfunden, Bezos hat das nie gesagt. Trotzdem verbreitete es sich in wenigen Stunden millionenfach. Die echte Zahl aus Amazons Nachhaltigkeitsbericht – 9,5 Milliarden Liter Wasser im Jahr 2025 – verschwand fast unbemerkt.

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte: Belegbare Fakten erzeugen kaum Aufmerksamkeit. Empörende Zitate und Bilder hingegen verbreiten sich millionenfach.

Dabei ist die Realität Empörung genug.

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Ein Kommentar

  1. Rechencenter ab einer gewissen Größe sollten nur bewilligt werden, wenn die Abwärme genutzt und gar kein Wasser „verbraucht“ wird. Klar, dass das in Trumpistan nicht geht, wahrscheinlich nicht mal bei uns. Wir Kunden haben es jedoch in der Hand, zumindest unsere Cloud-Anbieter auszuwählen, denn es gibt solche, die das weitgehend tun. Ich bin am herunterfahren meines Emailkontos bei Bluewin seitdem ich erfahren habe, dass diese offenbar auf Amazon- Servern laufen.

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