Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u. a. mit Abschieden von Twitter, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Privatsphäre.
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ToggleIn Deutschland sagen SPD, Linke und Grüne auf X Tschüss
In einer konzertierten Aktion haben in Deutschland SPD, Linke und Grüne X verlassen (bzw. ihre Accounts stillgelegt) und ihren Mitgliedern empfohlen, dies ebenfalls zu tun. Als Begründung führen sie nicht ganz überraschend an, dass
X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen nutzen wir diesen Account nicht mehr.
Die Verlagerung der Social Media-Präsenz kommt primär Bluesky zu gute, wohin sich der grösste Teil der Aktivitäten verlagert hat.
Auf X wie auch in verschiedenen deutschen Zeitungen wurde daraufhin den linken Parteien vorgeworfen, mit dieser Aktion X vollständig rechts-orientierten Stimmen zu überlassen, und sich dem Diskurs zu entziehen. Dieser Diskurs findet auf X allerdings seit Jahren nicht mehr statt. Die Gräben waren spätestens seit Corona tief, unterdessen sind Algorithmen wie auch Funktionen stark darauf ausgelegt, laute und rechte Stimmen zu bevorteilen.
Spannend ist auch, wie die im Vergleich zu X besser ausgestalteten Moderationstools auf Bluesky wirken. Dank fehlenden empörungs-verstärkenden Algorithmen und intelligent gestalteter individueller Moderationstools erhalten Accounts, welche ausschliesslich provozieren wollen, kaum Reichweite. So scheint dann auch die Welle an rechts-orientierten Accounts aus dem AfD-Umfeld, welche in den letzten Tagen auf Bluesky aktiv wurden, weitgehend mit sich selbst und mit den eigenen Bots im Austausch zu stehen.
Dies zeigt sich auch in einem Vergleich der Bubbles rund um die Accounts von NIUS, AfD, SPD und Grüne. Unter anderem wurden das Like-Verhalten ausgewertet und festgestellt, dass es null Überlappung zwischen den Top-20-Like-Zielen von NIUS/AfD einerseits und SPD/Grüne andererseits gibt. Die Follower-Gruppen bewegen sich in vollständig getrennten Ökosystemen — nicht nur bei den Follows, sondern auch bei der Interaktion mit Inhalten.
Als Schutzmechanismus scheinen Moderationstools wie Blocklisten also gut zu funktionieren, und die fehlenden empörungs-verstärkenden Algorithmen verhindern, dass reine Provokationen in das jeweils andere Ökosystem überschwappt. Offen bleibt vorderhand, ob Bluesky eine Plattform für einen breiteren Diskurs werden kann (oder ob die Polarisierung bereits so weit fortgeschritten ist, dass ein konstruktiver Austausch kaum mehr möglich ist).
Unabhängig davon hat auch die EU-Kommission Tschüss gesagt zu Ex-Twitter: Das Ex-Twitter-Icon scheint still und heimlich aus dem Footer ihrer Seiten verschwunden zu sein, dafür das Mastodon-Icon dazugekommen.
Liebe Pressestellen, sagt Grüezi
Nicht wirklich überraschend: Wenn die Pressestelle nicht nur offizielle, möglicherweise sogar langweilige, Statements nach Social Media postet, sondern mit den Leuten interagiert, dann interagieren Leute auch zurück.
Eigentlich sollte das niemand mehr wundern, aber gerade für die nutzer- statt algorithmengetriebenen Sozialen Medien wie Bluesky oder das Fediverse (inkl. Mastodon) ist das essenziell.
Instagram sagt zur End-to-End-Verschlüsselung Tschüss
2019 versprach Meta, End-to-end-Verschlüsselung für Nachrichten auf Facebook und Instagram einzuführen, und erklärte: „Die Zukunft ist privat“. 2023 wurde die Funktion dann im Facebook-Messenger bereitgestellt, später optional auch für Instagram-Messages.
Doch 2026 ist alles wieder anders, und die Zukunft zumindest bei Meta nicht mehr privat. Am 8. Mai wurde die durchgehende Verschlüsselung von Instagram-Messages weltweit deaktiviert. Begründet wird dies vom Unternehmen primär mit der geringen Nutzung, ins Feld geführt wird allerdings auch der Anspruch, Nachrichten-Inhalte auf für Kinder/Jugendliche ungeeignetes Material durchsuchen zu wollen. Und vielleicht ist die Zukunft in 2026 auch deswegen nicht mehr privat, weil auch den KI-Modellen von Meta langsam das Futter zum Trainieren ausgeht …
Wer auf End-to-End-Verschlüsselung wert legt (und das sollten eigentlich alle), kann im Meta-Universum weiterhin WhatsApp verwenden. Oder halt direkt Messenger wie Signal oder Threema, bei welchen Datenschutz das zentrale Merkmal darstellen.
Zur Erinnerung: Die KI ist Meta so wichtig, dass sie dafür ihre Nutzer:innen auch freudig Werbung für allerlei Internet-Betrügereien aussetzen. Wieso soll auch Ethik unnötig in die Quere kommen, wenn man 15 Milliarden pro Jahr verdienen kann, indem man sie über Bord wirft.
St. Gallen sagt zum Internet Archive Grüezi
Wie das Internet Archive am 6. Mai ankündigte, gibt es neu auch einen Ableger des Archivs in der Schweiz, konkret in St. Gallen. Ähnliche Ableger gibt es bereits in Kanada und in der EU.
Gemäss der Webseite wird man sich in St. Gallen vor allem um die Archivierung von GenAI-Modellen kümmern sowie um den Erhalt von kulturell und/oder historisch relevanter Daten. Dazu ist auch eine Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen geplant.
Das australische Social-Media-Tschüss hat Nebenwirkungen
Wer hätte das gedacht: Social-Media-Verbote für Jugendliche lösen nicht alle gesellschaftlichen Probleme (und beheben auch nicht die Suchtprobleme etc. der Plattformen).
Nun ist ein weiteres Problem aufgetaucht. Personen haben begonnen, Fake-Konten im Namen von Schülerinnen anzulegen und darüber andere Schülerinnen beleidigt. Das Problem, das die Plattformen sich viel Zeit nehmen, um beleidigende oder illegale Inhalte zu entfernen, wird nun verstärkt dadurch, dass es das Originalaccount nicht gibt/geben kann und „man“ sich noch einfacher in fremdem Namen äussern kann.
Auch die englische Altersverifikation steht im Kreuzfeuer: Die angeblichen Kinderschutzmassnahmen würden von allen Bevölkerungsschichten zwingend invasive Identifikationen erfordern. Mozilla, Tor, Proton und viele andere mehr haben einen offenen Brief dagegen unterzeichnet, in dem sie diese Gefahren erläutern.
Nutzer:innen sagen Grüezi zu unaufgeregten Sozialen Medien
Mat Duggan ist unterwegs in einem Sozialen Netzwerk mit wenig Aufregung, dem Fediverse. Und er hat ein Loblied auf diese fehlende Aufregung geschrieben. Er berichtet über die ruhige Schönheit eines Platzes, auf dem die Leute einfach das Teilen, was sie wissen. Er freut sich über die Abwesenheit von Werbung oder künstlicher Aufregung. Und geniesst es, wenn jemand mit 20 Jahren in Arktischer Politik nachts um 2 einen Thread schreibt, weil er glaubt, dass der Rest der Welt einen Teil seines Wissens bekommen sollte. Und schliesst mit den Worten: «Das ist das Internet, welches mir 1996 versprochen wurde!»
Überwachung: Der Bundesrat will alle unsere Grüezis mitlesen. Und noch viel mehr.
«Der Inhalt der Verordnungsrevision, die das Justiz- und Polizeidepartement von SP-Bundesrat Beat Jans vorgelegt hat, erfüllt die kühnsten Überwachungsträume von Autokraten. Der Bund will IT-Unternehmen nämlich dazu verpflichten, all ihre Nutzerinnen via Pass oder Telefonnummer zu identifizieren und diese Daten sowie Nutzungsdaten auf Vorrat zu speichern.» So DNIP-Redaktorin Adrienne Fichter vor ein paar Tagen im Republik-Artikel zum aktuellen Stand der VÜPF-Vorlage.
Die Digitale Gesellschaft kämpft schon lange gegen die breite Überwachung von uns allen durch BÜPF/VÜPF und Nachrichtendienstgesetz. Nach einem langjährigen Verfahren hat vor einigen Monaten das Bundesverwaltungsgericht bestätigt: Der Nachrichtendienst hält sich nicht an die Gesetze. Eben diese Digitale Gesellschaft schreibt zur geplanten VÜPF-Verschärfung: «Der Bundesrat verunmöglicht erfolgreiche datensparsame Geschäftsmodelle, die auf sichere Kommunikation setzen. Es wäre definitiv das Ende von erfolgreichen Unternehmen wie Threema oder Proton in der Schweiz.»
Das läuft allen Bestrebungen zur Digitalen Souveränität zuwider, wenn wir die erfolgreichen IT-Firmen aus dem Land ekeln.
Nur mit Google-Konto sagst du Grüezi
Wer kennt sie nicht, diese in Felder zerlegten Bilder, in denen man Busse, Fussgängerstreifen oder Hydranten erkennen muss. Dies sind Captchas, mit denen Menschen von Bots unterschieden werden sollen. Aber die Entwickler hinter den Bots haben schon vor Jahrzehnten begonnen, automatische KI-basierte Captcha-Löser zu entwickeln, damit sie doch zu ihren Daten oder Online-Konten kommen.
Google betreibt schon lange einen Captcha-Dienst. Dieser soll nun KI-sicherer gestaltet werden. Eigentlich eine gute Idee, aber mit einem weiteren Rückschlag für die Privatsphäre.
Schon die bisherigen Captchas hatten die Nebenwirkung, dass man mit aktivierten Google-Tracking-Cookies deutlich weniger davon sah. Wer also nicht sein ganzes Surfverhalten mit Google teilen wollte, wurde mit mehr Captcha-Aufforderungen „bestraft“.
Das neue System zeigt keine zerstückelten Bilder oder verzogenen Wörter, sondern einen QR-Code. Diesen muss man mit einem Mobiltelefon scannen, auf welchem man mit seinem Google-Konto eingeloggt ist. Damit wird eine noch viel stärkere Verbindung zwischen dem eigenen Google-Konto und der besuchten Webseite hergestellt. Das System erzwingt damit aber auch, dass jede:r einzelne von uns ein Google-Konto anlegen (und regelmässig nutzen) muss, wenn wir noch online bleiben wollen. Und natürlich immer ein Mobiltelefon dabei haben müssen.
Und mutmasslich wird das System auch nicht mit Android-Handys funktionieren, die ein alternatives Betriebssystem nutzen, wie z. B. GrapheneOS, welches auf Datenschutz und IT-Sicherheit getrimmt ist. So beinhaltet GrapheneOS bereits heute die Sicherheitsupdates, welche auf vielen andere Android-Handys erst ab November verfügbar sein werden.
Ohne Google-Konto und -Tracking sagst du damit vielleicht bald nicht mehr Grüezi zu diversen Apps und Webseiten.
Auch KI-Agenten sollten in die Lehre
KI-Modelle und -Agenten können mit sogenannten «Skills» mit zusätzlichen Fähigkeiten versehen werden. Beispielsweise kann man vielen dieser KI-Umgebungen Textdateien hinterlegen, in denen zusätzliche Prompts stehen, die dann bei Bedarf genutzt werden. So kann man Aufgaben an die KI wiederverwendbar hinterlegen.
Wer seinem KI-Agenten aber „einfach“ aus dem Internet neue Skills herunterlädt, ohne sie zu prüfen, der fängt sich das Risiko ein, dass der KI-Agent dann etwas macht, was er nicht sollte. In einem aktuellen Fall Strom und Rechenleistung verschwenden, um dem Angreifer zu schenken.
KI-Skills (oder andere Software) von unbekannten Quellen einzusetzen ist gefährlich. Man kann das mit dem Versuch vergleichen, selbst ein Haus bauen zu wollen und die Dicke von Wänden und Böden einfach mal zu googeln, statt einen ausgebildeten Bauingenieur damit zu beauftragen. Sieht gut aus, man startet günstiger, aber vielleicht fällt es dann zusammen, wenn es nicht sollte.
Schwimmende KI-Rechenzentren
Während KI-Anbieter wie OpenAI und Anthropic nach wie vor weit davon entfernt sind, schon nur genügend Einnahmen zu generieren um die laufenden Kosten zu decken, träumen andere von im Ozean schwimmenden KI-Rechenzentren. Investoren aus dem Silicon Valley, darunter Palantir-Mitbegründer Peter Thiel, haben mehrere Hundert Millionen Dollar in ein Startup investiert, welches schwimmende KI-Rechenzentren entwickelt. Zur Energieerzeugung soll dabei Wellenenergie genutzt werden, zum Kühlen naheliegenderweise das Wasser im Ozean.
Noch handelt es sich um Prototypen, die bis Ende 2026 erprobt werden sollen. Unklar ist, was aus dem Projekt werden wird, falls die KI-Blase bis dann platzt, oder wenn es an der notwendigen IT-Hardware fehlt (was einer der Gründe ist, wieso auch herkömmliche Rechenzentren nicht so schnell ausgebaut werden können wie das manche Investitionsankündigungen glauben lassen).
Und schliesslich:
- Über Browser-Fingerprinting haben wir schon verschiedentlich geschrieben. Since You Arrived zeigt schön dargestellt, was eine Webseite aus dem Stand heraus über einen Browser weiss.
- Auf vielen Rechnern hat Google Chrome 4 GB Daten heruntergeladen und installiert, für jeden User. Ungefragt. Und wenn man die Datei z.B. wegen Platzmangel löscht, wird sie wieder heruntergeladen. Nicht die freundliche Art.
- NOYB, der österreichische Datenschutzverein um Max Schrems, hat eine neue Klage gegen Microsoft angestrengt. Diesmal geht es um LinkedIn, das sich laut NOYB nicht an die DSGVO halte. Der Vorwurf: LinkedIn sammelt persönliche Daten, die man mit einem Datenauskunftsbegehren nicht bekommt, sondern nur, wenn man ein kostenpflichtiges Abo abschliesst. Wir sind gespannt.
- Datenhandel ist bei uns regelmässig ein Thema. Wer das Thema für sich sowie Freunde und Bekannte einfach zugänglich machen will, dem sei diese Dokumentation von Arte empfohlen: «Gefährliche Apps – Im Netz der Datenhändler».
- Auch die Europol hat Sensitives wie z.B. Standortdaten intransparent bearbeitet. Laut einem internen Bericht lagen zeitweise 99 % der operativen Daten der Behörde auf einer inoffiziellen Plattform, über die keine Rechenschaft geführt wurde.
- Der Übersetzungsdienst DeepL will nicht mehr souverän sein, wie es scheint. So wird der Betreiber eines der stärksten Supercomputers der Welt zukünftig Rechenleistung von AWS nutzen. Damit werden viele Firmen, die bisher davon ausgegangen sind, dass die Inhalte ihrer Dokumente für die USA nicht zugreifbar sind, sich nach einem neuen Übersetzungsdienst umschauen müssen. Ob DeepL das vorausgesehen hat, als sie vor Kurzem einen Viertel der Stellen abgebaut haben?
- Curtis Yarvin ist „der Mann, der in seinen «Unqualified Reservations» amüsiert vorgeschlagen hatte, «unproduktive Mitglieder der Gesellschaft» zu «Biodiesel zu verarbeiten», der über den Massenmörder Anders Breivik zu sagen wusste: «Wenigstens hat er Kommunisten und keine Muslime erschossen»“, wie die Republik schreibt. Eben dieser Curtis Yarvin wurde nach St. Gallen eingeladen, um dort „in prominenter Runde über die Zukunft des Westens“ zu diskutieren. Schade, dass solchen Menschen eine Bühne geboten wird.
- Internetsperren und wie sie in Russland, China oder Iran umgesetzt werden, waren vor Kurzem Thema bei DNIP. Die Internetsperren des iranischen Regimes dauern inzwischen schon über 70 Tage an. Damit werden nicht nur die Bürger darin behindert, Proteste zu organisieren. Viele Leute werden auch daran gehindert, zu arbeiten. Die New York Times (Paywall) berichtet mit Berufung auf iranische Quellen, dass durch den Internet-Shutdown täglich Einnahmen von rund 80 Millionen USD entgehen und inzwischen 2 Millionen Menschen entlassen wurden.

