Vogt am Freitag: Freispruch

Ein Verbot von Social Media für Jugendliche schützt keine Kinder. Es entlässt Konzerne aus der Verantwortung, schreibt Kolumnist Reto Vogt.

Die Nutzung sozialer Medien kann problematisch sein. Besonders für Jugendliche. Hochproblematische Inhalte, Cybermobbing, Suchtmechanismen, Druck durch unrealistische Schönheitsideale, die propagiert werden: die Liste ist lang, gut dokumentiert und leider nicht abschliessend.

Um dagegen anzugehen, gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten: ein Verbot von Social Media für Jugendliche – wie es Australien Ende 2024 eingeführt hat und wie es auch hierzulande und in Deutschland diskutiert wird. Oder die konsequente Regulierung der Plattformen, kombiniert mit Förderung von Medienkompetenz in den Schulen und Unterstützung der Eltern bei der digitalen Erziehung.

Die Entscheidung zwischen diesen beiden Wegen ist keine rein technische Frage – und vielleicht ist es auch keine von Entweder-oder. Die Neurowissenschaft liefert plausible Argumente für ein Verbot für Jugendliche: Das adoleszente Gehirn reagiert stärker auf soziale Belohnung und ist anfälliger für Suchtmechanismen als das von Erwachsenen. Wer daraus schliesst, dass ein zeitlich begrenztes Verbot – kombiniert mit echter Regulierung – sinnvoller sein könnte als Regulierung allein, denkt nicht zwingend falsch. Aber auch das ändert nichts an der Grundfrage: Solange die Plattformen so bleiben, wie sie sind, ist jede Schutzmassnahme pure Symptombekämpfung. Und keine Lösung.

Was Meta wirklich will

Denn diese Plattformen – Facebook, Instagram, X, TikTok – haben nie den Anspruch gehabt, einen sicheren oder gar demokratiefördernden Raum zu schaffen. Ihr einziges Ziel ist es, die Nutzerinnen und Nutzer so lange wie möglich bei sich zu halten, um den eigenen Profit durch Werbung zu maximieren. Jede zusätzliche Sekunde Screentime ist bares Geld für die Konzerne. Das manipulative Design – unendliches Scrollen, Push-Benachrichtigungen, das Ausspielen von Inhalten, die auf den eigenen Interessen basieren – ist kein Fehler, sondern gezielte Manipulation.

Dass das auch Kinder und Jugendliche trifft, ist den Konzernen bekannt. Facebooks eigene interne Forschung, die 2021 durch die Whistleblowerin Frances Haugen publik wurde, zeigte: Instagram verschlimmert bei einem erheblichen Teil der Teenagerinnen Körperbild-Probleme. Die geleakten Unterlagen lieferten zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass Profite dem Konzern wichtiger seien, als das Wohl seiner Nutzer:innen. Haugen forderte mehr Transparenz vom Konzern, was dieser bis heute schuldig geblieben ist.

Und dann ist da noch das, was der deutsche Filmemacher und Autor Mario Sixtus kürzlich auf Bluesky formuliert hat: «Das Einzige, was man über Meta wissen muss, ist, dass auf Instagram Menschen Worte wie Demokratie und Pressefreiheit auf den Tonspuren ihrer Videos muten, damit sie nicht vom Algorithmus bestraft und geblacklistet werden. Pressefreiheit und Demokratie.»

Es beschreibt ein Phänomen, das Forscherinnen und Forscher als «Algospeak» bezeichnen: Nutzer:innen weichen auf Codewörter aus, weil bestimmte Begriffe – politische, gesellschaftlich sensible – von Algorithmen automatisch abgestraft werden. Nachzulesen ist das auch bei den Kollegen von Netzpolitik. Das Wort «Demokratie» wird zur Gefahr für die eigene Reichweite. Das sagt alles über diese Konzerne.

Der Reflex

Wenn ein gesellschaftliches Problem sichtbar wird und der öffentliche Druck steigt, greift die Politik gerne zum Verbot. Es ist die beliebteste Scheinlösung der Demokratie: sichtbar, kommunizierbar, schnell beschlossen. Das Problem: Ein Verbot blendet das Problem aus, löst es aber nicht. Es schützt keine Kinder, sondern entbindet die Plattformen von ihrer Verantwortung, sich für den aktiven Schutz von Kindern und Jugendlichen einzusetzen.

Denn wer ein Verbot für Jugendliche ausspricht, lässt die Plattformen exakt so, wie sie sind. Das Geschäftsmodell bleibt unangetastet. Und Teenagerinnen und Teenager, die via VPN trotzdem auf Instagram sind – und das werden sie sein – sind dort genauso schutzlos wie vorher. Entsprechend ist ein Verbot das politische Eingeständnis, dass wir das manipulative Design der Tech-Giganten nicht bändigen können oder wollen. Es sagt: Die Plattformen dürfen so bleiben, wie sie sind – wir schützen unsere Kinder, indem wir sie fernhalten. Das mag kurzfristig gut gemeint sein, faktisch ist es aber Kapitulation.

Was stattdessen nötig wäre

Wer die Nutzung von Social Media nachhaltig verbessern will, muss dort ansetzen, wo das Geld verdient wird. Und das hat, anders als in diesem Zusammenhang oft erwähnt, mit Zensur nichts zu tun. Vielmehr ist es die Durchsetzung von Gesetzen, die in der Offline-Welt längst selbstverständlich sind: zum Beispiel den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Inhalten, die ihnen schaden. Der europäische Digital Services Act und die in der Schweiz angedachte Plattformregulierung zielen in diese Richtung, werden aber entweder noch zu zaghaft durchgesetzt oder sind noch gar nicht in Kraft.

Darüber hinaus braucht es echte Medienkompetenz – nicht als Alibi-Schulfach, sondern als ernsthaftes gesellschaftliches Projekt. Und Unterstützung für Eltern, die oft weder die Zeit noch die Werkzeuge haben, digitale Erziehung ernsthaft zu betreiben.

Ja, das ist der mühsamere Weg, aber es ist der richtige. Denn das Ziel kann nicht sein, Jugendliche von der digitalen Öffentlichkeit fernzuhalten. Das Ziel muss sein, dass Jugendliche diese Plattformen nutzen können, ohne von ihnen benutzt zu werden. Tun wir das nicht, sprechen wir die Konzerne frei.

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