Vogt am Freitag: X-itus

Eigentlich sollten alle (vernünftigen) Menschen X längst verlassen haben. Nach den neusten Entwicklungen scheint der Entscheid für Kolumnist Reto Vogt nun aber zwingender denn je.

In der richtigen Welt hat das Jahr 2026 denkbar schlecht angefangen mit der Katastrophe in Crans-Montana und Trumps völkerrechtswidrigem Angriff auf Venezuela. Aber auch im Digitalen hat sich die Situation auf der Plattform mit einem Buchstaben nochmal dramatisch verschlechtert. Ich hätte nicht geahnt, dass dies noch möglich ist, aber Elon Musk hat uns alle eines Besseren belehrt.

Grok, Musks KI, erlaubt neu sexuelle Belästigung auf Knopfdruck. Wer der KI «put her in a bikini», «undress her» oder «make her fat» befiehlt, erhält eine entsprechende bearbeitete Kopie eines Originalbilds. Eine Zustimmung der abgebildeten Protagonistinnen ist nicht nötig. Explizite pornografische Darstellungen erzeugt Grok zwar nicht, aber die Möglichkeiten sind schlimm genug und werden von Nutzern rege genutzt.

X baut Tool für Täter und Trolle

So sind seit dem Jahreswechsel zehn- oder hunderttausende sexualisierte Bilder von Menschen entstanden, die das weder wollten noch sich erfolgreich dagegen wehren können. Das hat das deutsche Zentrum für Digitalrechte und Demokratie wie folgt beschrieben: «So lange das Material online ist, kann es heruntergeladen werden und richtet Schaden an. Das neue Feature hat Täter und Trolle begünstigt – und lässt die Betroffenen allein.»

Der Rechtsweg ist zwar möglich. «Wenn etwas Illegales mit KI erstellt wird, kann es strafbar sein», schreibt Rechtsanwalt Sven Kohlmeier dazu auf Linkedin. Aber zuerst muss man die entsprechenden Bilder von sich entdecken und dann zweitens den Rechtsweg beschreiten. Beides sind typischerweise zu hohe Hürden. Wer hat schon die Zeit und das Geld, gegen eine anonyme Armee von Trollen und einen milliardenschweren Konzern in den USA in den Krieg zu ziehen?

Deshalb sind wir nun an einem Punkt angelangt, über Verantwortung zu reden. Nicht über jene von Elon Musk als Plattformeigner, denn der lacht höchstens darüber. Sondern über unsere eigene: Wer heute noch einen Account auf X unterhält, dort als Behörde informiert oder als Politiker:in um Stimmen buhlt, stützt diese menschenverachtende Plattform.

Marktplatz für Hetzer, Rechte und Sexualstraftäter

Ich formuliere es bewusst drastisch: Ein Account auf X ist wie ein Stand auf einem Marktplatz, auf dem Hetzer, Rechtspopulisten und Sexualstraftäter nicht nur ungestraft patrouillieren, sondern vom Platzwart persönlich mit den Werkzeugen für ihre Übergriffe ausgestattet werden. Es gibt im Januar 2026 keine Ausrede mehr für den Verbleib. Der einzig anständige Neujahrsvorsatz für die (offizielle) Schweiz muss lauten: Den X-itus vollziehen. Wer bleibt, stellt die Infrastruktur für den Missbrauch bereit und legitimiert den Sumpf durch seine Anwesenheit.

Doch es liegt nicht nur an uns allen, unsere Accounts zu löschen. Es liegt auch am Gesetzgeber, genau hinzuschauen, die Verantwortung wahrzunehmen und X mindestens streng zu regulieren. Und wenn sich die Plattform nicht an die Vorgaben hält, sie zu verbieten. Dass dies keine theoretische Debatte ist, zeigt Frankreich: Dort ermittelt die Pariser Staatsanwaltschaft bereits wegen der Verbreitung von Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige durch Grok-Prompts. Wenn eine Plattform den Boden des Rechtsstaats so offensichtlich verlässt, ist das konsequente Verbot kein Akt der Zensur, sondern staatliche Gefahrenabwehr.

X jetzt verlassen

Ein weiterer Weg führt weg von der reinen Inhaltsmoderation, Richtlinien und Zuständigkeiten, bei der sich Plattformen stets als «neutrale» Durchleiter inszenieren und die Verantwortung an die Nutzerinnen und Nutzer zu delegieren versuchen. Der wohl wirkungsvollste Hebel ist (beziehungsweise wäre) ein juristischer: die Produkthaftung. Lange Zeit genossen Tech-Konzerne das Privileg, juristisch wie ein Briefkasten behandelt zu werden: nicht verantwortlich für den Schmutz, der darin landet.

Doch Grok ist kein Briefkasten, es ist ein Produkt. Wenn eine Kaffeemaschine explodiert, haftet die Firma. Warum also sollte Elon Musk nicht für ein Software-Produkt haften, das per Design die Erstellung von sexualisierten Gewaltbildern ermöglicht? Den Rahmen dafür hat die EU mit der neuen Produkthaftungsrichtlinie geschaffen, aber es gibt einen Haken: Die volle Härte des Gesetzes greift erst für Produkte, die ab Dezember 2026 in Verkehr gebracht werden.

Dies darf keine Entschuldigung für Untätigkeit sein. Im Gegenteil: Wenn die grossen Haftungsketten erst in elf Monaten greifen, ist die Politik jetzt zu Sofortmassnahmen verpflichtet. Die beste davon: Den Stand auf dem X-Marktplatz abbauen.

Karin Keller-Sutter, gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Lieber heute als morgen.

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2 Antworten

  1. Vielen Dank! Es ist nicht nur Keller-Suter, selbst Beat Jans und die SP, nach anfänglicher Zurückhaltung, bewerben X prominent, manchmal verniedlichend als Twitter. Obwohl Musk verntwortlich ist für hunderttausende Hungertote und künftig Millionen durch seine Sparmassnahmen als damaliger DOGE-Chef in der US-Regierung. In meiner Partei den Grünen habe ich intensiv versucht sie zu überzeugen mit X aufzuhören, wegen des verheerenden Signals bei der Verwendung von X, ohne Erfolg ausser bei wenigen Einzelnen. Nun versuche ich es nochmals mit Verweis auf diese neuen Entwicklungen.

  2. Dein Vorschlag „X verlassen“ fühlt sich moralisch gut an, ist aber strukturell wirkungslos. Er bestraft Sichtbarkeit, nicht Missbrauch. Er schwächt Öffentlichkeit, nicht Täter. Und er ersetzt Rechtsstaatlichkeit durch Gesinnung.

    Verantwortung heist nicht, den Platz zu räumen. Verantwortung heisst, ihn so zu regulieren, dass Missbrauch nicht mehr profitabel, nicht mehr skalierbar und nicht mehr folgenlos ist.

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