Die Redaktion präsentiert jeden Dienstag die Geschichten, die sie bewegt, aufgerüttelt oder zum Nachdenken angeregt hat. Heute u.a. mit .
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ToggleBlauäugig durch Smart Glasses geschaut
SRF Digital sendete letzte Woche einen Beitrag zu Smart Glasses, und fasste diesen anschliessend auf der Webseite zusammen. Der Auslöser dazu ist etwas unklar, der einzige aktuelle Bezug des Betrags findet sich beim Hinweis auf den fahrlässigen Umgang von Meta mit den Videofeeds der Brillen (wir berichteten vor zwei Wochen darüber). Der Beitrag insgesamt gibt einen kurzen, eher selektiven Überblick über die bisherige Entwicklung von Smart Glasses, und über die Möglichkeiten, welche sie gemäss den diversen Werbeversprechen der Anbieter bieten sollen. Das Thema Datenschutz wird nur am Rande gestreift.
Der für den Beitrag zuständige Redakteur äussert sich hierzu nur kurz, indem er erwähnt, dass wir den [Smart Glasses-anbietenden] Unternehmen mit unseren Daten vertrauen müssen. Auch der Textbeitrag selbst endet ähnlich:
Bezüglich Umgang mit Daten werden wir Meta dann schlicht vertrauen müssen. Oder Apple und Google.
Liebes SRF, wie könnt ihr wenige Zeilen nach den Hinweisen auf ungewollte Überwachung in Metas Smart Glasses wie auch (einige Jahre früher) durch Amazons Alexa so etwas schreiben? Euer eigene Artikel liefert so doch bereits Beispiele dafür, dass dieses Vertrauen mitnichten gerechtfertig ist?! Und schon eine 5-minütige Google-Recherche hätte diverse weitere Beispiele dafür geliefert, dass Metas Versprechen zu Datenschutz vermutlich die Bits und Bytes nicht wert sind, auf welchen sie geschrieben sind.
Halten wir daher nochmals fest: Die Verwendung von Smart Glasses führt aus Datenschutz-Optik zu einer ganzen Reihe von neuen Problemen. Sei es der Verlust an Privatsphäre, sei es die implizite Rundumüberwachung, sei es der Verlust an Anonymität. Daniel Kettiger hat hierzu letzte Woche auf LinkedIn eine rechtliche Einschätzung veröffentlicht, die Datenschutz-Behörde der EU veröffentlichte bereits 2019(!) einen Report zu den Risiken.
Die Problematik beim Einsatz von Smart Glasses geht also weit über alles hinaus, was mit (an sich schon nicht gerechtfertigtem) Vertrauen in die Anbieter abgedeckt werden könnte. Schade, dass die Digitalredaktion von SRF hier nicht genauer hingeschaut hat.
Über- und Unterwachung
Die Electronic Frontier Foundation fasst die Risiken von (Metas) Smart Glasses wie folgt zusammen. Dies ist um so wichtiger, da anscheinend auch Google und Apple an solchen Datensammelbrillen arbeiten.
- Die ganzen Audio- und Videoaufzeichnungen gehen an Meta. Und möglicherweise auch gleich noch an Google.
- Und von dort gehen etliche Videos zur „Qualitätskontrolle“ und der Annotation für KI-Trainingsdaten via zu unterbezahlten Arbeiter:innen in einem Drittweltland (siehe dazu auch vor zwei Wochen bei DNIP).
- Diese Brillen zeichnen u.U. auch sehr private Dinge auf, evt. auch hinter Schlafzimmertüren uvam. Und der Bedarf an solchem ohne Zustimmung erstellten pornographischem Material ist sehr hoch, wie Grok-Deepfakes und Meta-Ray-Ban-Missbräuche zeigen.
- Die Privatsphäre wird weiter eingeschränkt; diesmal möglicherweise zusätzlich durch Freunde und Familienmitglieder. Dies wird sich weiter negativ auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft auswirken.
- Meta ist bekannt dafür, dass Privatsphäre frühestens an zweiter Stelle kommt. Davor kommt Geld verdienen um jeden Preis. Und scheinbar soll – wenn die Zivilgesellschaft gerade wieder einmal abgelenkt ist – auch noch Gesichtserkennung hinzukommen.
- Im EFF-Artikel gibt es auch Tipps, was du tun sollst, falls du dummerweise schon einen Satz Smart Glasses gekauft hast. (Die Kurzversion: „Benimm dich nicht wie ein Arschloch und denk an deine Kinderstube, die du hoffentlich gehabt hast.“)
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als staatliche und kommerzielle Videoüberwachung eine erste Awareness-Welle erreichte, da galt die „Gegenüberwachung“ von übergriffigen Firmen und dem Staat mal als Versuch, die Freiheitsrechte zurückzuerobern. Aktivisten wie Steve Mann starteten eine „Sousveillance“-Kampagne der Individuen als Gegenpol zur „Surveillance“ von Seiten der Mächtigen. Auch da kamen Brillenähnliche Geräte zum Einsatz. Doch die heutigen Brillen sind das Gegenteil: Damit überwachen ihre Träger:innen ihre Freundinnen und Bekannten für die Tech-Konzerne. Und bezahlen erst noch für das Recht, das zu dürfen.
Wer mehr über Sousveillance lesen möchte: Die französischen oder englischen Wikipedia-Artikel sind ein guter Anfang.
Das Pentagon will keine Souveränität
Den Machtkampf zwischen dem Pentagon und Anthropic hatten wir schon vor drei Wochen thematisiert. Der Streitpunkt: Anthropic wollte nicht, dass seine Software für die Massenüberwachung von US-Bürgern oder autonome Waffensysteme eingesetzt würde; das Pentagon (bzw. der Verteidungungsminister und/oder der Präsident) schon.
FastCompany hat den Konflikt nochmals aus einem anderen Blickwinkel angeschaut: Was bedeutet das eigentlich für die Software- oder Cloud-Kunden, wenn die Hersteller Vorgaben machen, wie die Produkte zu nutzen seien? Die kurze Antwort: Es geht um Souveränität, auch wenn das Wort im Artikel nicht ein einziges Mal auftaucht.
Die Konklusion von FastCompany: Wenn du selber bestimmen willst, was du mit deiner Software anstellen willst, musst du sie selbst kontrollieren. Faktisch dürfte das meist darauf hinauslaufen, dass man die Software selbst geschrieben hat oder dass es Open-Source-Software ist (im Original oder angepasst).
Auch wenn es der Artikel nicht erwähnt: Natürlich gibt es noch weitere Optionen, beispielsweise eine Exit-Strategie oder eine Two-Vendor-Strategie zu haben.
Kantonale Intelligenz
Nach Basel-Stadt betreibt auch die Stadt Zürich eigene KI-Modelle in ihren eigenen Rechenzentren. Das Ziel sei es, „Dokumente zusammenfassen, Nachrichten formulieren, Texte bearbeiten und übersetzen“, auch von Inhalten, die nicht in die Hände Dritter gelangen sollten. Eine lobens- und begrüssenswerte Entscheidung, sowohl aus Sicht des Datenschutzes als auch aus dem Blickwinkel der Souveränität. Wir hoffen, dass sie von den Mitarbeitenden gut aufgenommen wird und als hilfreich empfunden wird.
Einige der Funktionen klingen zumindest auf den ersten Blick ähnlich wie die, welche der Kanton Basel-Stadt schon länger innerhalb der Verwaltung anbietet: Transkribieren von 96 Sprachen, Übersetzen aus 100 Sprachen, Unterstützung beim Ausfeilen von Texten.
Die Basler Tools sind Open Source und können somit auch von anderen Personen auf eigener oder zugemieteter Hardware installiert und genutzt werden. Danke dafür!
Wir hoffen, die beiden KI-Teams unterstützen sich gegenseitig bei den KI-Tools.
Wie souverän sind unsere Gemeinden?
David Huser hat eine Karte aller Gemeinden angelegt. Das alleine wäre noch keine Schlagzeile wert. Doch zeigt die Karte, wie souverän die Mailverbindung der Gemeinden ist. Ob sie einen US-Cloud-Hyperscaler nutzen oder ob sie ihre Mailinfrastruktur selbst betreiben oder von einem Schweizer Dienstleister hosten lassen.
Auf den ersten Blick ist die Karte erstaunlich grün (und damit die Gemeinden souverän). Die Karte basiert aber auf einer oberflächlichen Auswertung, nämlich welche Mailserver öffentlich im DNS (dem „Internet-Telefonbuch“) verzeichnet sind. Wo die Mails aber im Einzelfall genau durchlaufen und wo sie gespeichert sind, müsste eine tiefergehende Analyse zeigen.
Aber die Karte stellt ein gutes (und positives) erstes Lagebild dar. Danke, liebe grüne, souveräne Gemeinden!
Und schliesslich:
- Eigentlich sollten Geldinstitute, die unser Geld (z.B. aus Pensionskassen) investieren, sich dabei an gewisse ethische Regeln halten. Und beispielsweise keine Firmen finanzieren, welche Menschenrechtsverstösse unterstützen oder ermöglichen. Palantir beispielsweise unterstützt den autoritären Umbau der USA und die israelische Armee im Gazastreifen. Trotzdem investieren viele Banken in Palantir. In der Schweiz beispielsweise UBS, ZKB und die Nationalbank, wie eine Recherche der Republik zeigt (u.a. mit DNIP-Mitautorin Adrienne Fichter).
- Über 30 Milliarden Photos haben Pokemon Go-SpielerInnen in den letzten 6 Jahren erstellt und hochgeladen. Als Belohnung für den Upload gab es im Spiel verschiedene Vorteile. Der wahre Profiteur des ganzen ist aber das Unternehmen Niantic, welches nicht nur Pokemon Go anbietet, sondern auch Navigationslösungen für autonome Liefersysteme. Und diese Navigationslösungen funktionieren dank den weltweit gesammelten Bildern deutlich besser als wenn sie sich rein auf GPS-Daten verlassen müssten.
- Auch wenn es so aussah, dass die Chatkontrolle in der EU abgesägt sei: Am 26. März wird erneut darüber abgestimmt.
- Früher stiegen Aktienkurse oft, wenn Firmen Entlassungen ankündigten: Sie reduzierten ihre laufenden Kosten. In der zweiten Hälfte 2025 war das nicht so, wie eine Analyse von Goldman Sachs zeigt: Zwei Wochen nach der Ankündigung lag der Aktienkurs durchschnittlich 7% tiefer, wenn „Umstrukturierung“ als Grund genannt wurde, aber nur 2%, wenn andere Gründe wie Automatisierung oder KI genannt wurden. Es gibt also wirtschaftliche Gründe (und noch weitere), „KI“ als Entlassungsgrund zu nennen. Egal, ob das jetzt die wahre Ursache ist.
Zitat der Woche
Tony Hoare ist am 5. März 2026 verstorben. Er hat sich sein Leben lang für die Korrektheit von Programmen eingesetzt und ist u.a. auch als Erfinder des Quicksort-Algorithmus und Turing-Preisträger bekannt:
I conclude that there are two ways of constructing a software design: One way is to make it so simple that there are obviously no deficiencies, and the other way is to make it so complicated that there are no obvious deficiencies.
(In etwa: „Ich komme zum Schluss, dass es zwei Ansätze für Softwaredesign gibt: Einer ist, Programme so einfach zu machen, dass sie offensichtlich keine Mängel haben; der andere, sie so kompliziert zu machen, dass es keine offensichtlichen Mängel gibt.“)
C.A.R. (Tony) Hoare, 1980, anlässlich der Turing-Award-Vergabe

