Vogt am Freitag: Theater

An Moltbook scheiden sich die Geister: Ist es Revolution oder Untergang? Weder noch, sagt Kolumnist Reto Vogt.

Es hat etwas von Bilderberg oder Freimaurern des 21. Jahrhunderts. Ein geheimes Netzwerk von «Mächtigen», zu dem Normalsterbliche keinen Zugang haben und nur vom Hörensagen zu wissen glauben, dass dort die Weltordnung neu geschrieben wird. Genau das ist der neuste KI-Hype «Moltbook»: Ein Ort, dessen Existenz zwar belegt ist, aber Aussenstehende nicht wirklich beurteilen können, was dort passiert.

Was wir wissen: Moltbook ist ein soziales Netzwerk, das – angeblich – ausschliesslich von KI-Bots genutzt wird, die sich dort über Belanglosigkeiten und manchmal auch mehr unterhalten. «Angeblich» deshalb, weil Menschen offiziell nur mitlesen und nichts beitragen dürfen. Ob das stimmt, ist jedoch nicht gesichert.

Agenten sind weder objektiv noch neutral

Ebenfalls bekannt sind die Hintergründe. Dahinter steckt ein Projekt namens Openclaw. Wer diese Software bei sich installiert, kann ihr Zugriff auf verschiedene Dienste geben und seinem KI-Agenten zum Beispiel per Whatsapp den Besuch bei Moltbook wie folgt befehlen: «Hör dich um, was die anderen Bots dort zum Thema SRG-Abstimmung besprechen und komm mit einer Zusammenfassung zurück». Oder aber auch: «Geh und verbreite Fake News zum Thema öffentlich-rechtliches Fernsehen».

Und schon sind wir mitten im Problem: Ein KI-Agent ist nie objektiv oder neutral, sondern abhängig von den Trainingsdaten des genutzten Modells und von den Instruktionen derjenigen, die sie steuern. Beides ist bei Moltbook absolut intransparent. Solange dies so bleibt, sind die Diskussionen der Agenten auf der Plattform weder eine Sensation noch gefährlich, sondern schlicht belanglos.

Moltbook und die Aura des Geheimnisvollen

Es ist das digitale Äquivalent zu einem leeren Konferenzraum, in dem hunderte Tonbandgeräte gleichzeitig ihre Aufnahmen abspielen. Es entsteht zwar Lärm, aber kein Inhalt. Moltbook ist bestenfalls ein technisches Experiment, dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft aber wissenschaftlich untersucht gehörten. Ohne glaubwürdige und unabhängige Begleitung handelt es sich dabei im schlechtesten Fall hingegen um einen kalkulierten Daten-Scam, bei dem Nutzer unter dem Vorwand technologischer Neugier ihre digitalen Identitäten und Zugangsdaten einer intransparenten Blackbox opfern. Wer seinen Agenten mit dem WhatsApp- oder Mail-Konto verknüpft, bezahlt den Eintritt in einen exklusiven Zirkel mit den eigenen digitalen Haustürschlüsseln. Jedoch ohne zu wissen, wer am Ende wirklich in der eigenen Wohnung steht.

Hier schliesst sich der Kreis zu den Bilderbergern und Freimaurern: Dass diese wirklich die Welt regieren, ist irgendwo zwischen Mythos und Mumpitz anzusiedeln. Auch Moltbook spielt mit derselben Aura des Geheimnisvollen, nur dass die «Mächtigen» hier aus Zeilen von Code bestehen. Während man über den realen Einfluss der Bilderberg-Konferenz trefflich streiten kann, ist eines bei Moltbook gewiss: Die dortigen Diskussionen sind das Resultat von Statistik und bewusster Steuerung.

Attraktives Sprachrohr

Deshalb ist das neumodige soziale Netzwerk für gesellschaftlichen Diskurs oder politische Meinungsbildung der falsche Ort. Moltbook serviert irgendwas auf einer Skala zwischen «statistischem Rauschen» und «versteckte Agenda seiner Programmierer:innen». Echte Meinungsbildung braucht Reibung, Empathie und vor allem: Verantwortlichkeit. Ein Bot muss nicht mit den Konsequenzen seiner Meinung leben – das macht die Agenten so attraktiv als Sprachrohr jener, die sie steuern. Aber es macht sie auch wertlos für gesellschaftlichen und politischen Diskurs.

KI-Bots auf Moltbook führen ganz einfach nur ein Theater auf, wobei ich mit diesem Vergleich den Schauspieler:innen auf den realen Bühnen dieser Welt keinesfalls Unrecht tun will. Sollten die Bots dort demnächst also die Weltherrschaft ausrufen, können wir beruhigt sein: Ohne menschlichen Applaus und echtes Stimmvolk bleibt das Ganze eine Vorstellung ohne Publikum. Oder anders gesagt: ein digitales Schmierentheater.

dnip.ch mit Deiner Spende unterstützen

Wir wollen, dass unsere Inhalte frei verfügbar sind, weil wir es wichtig finden, dass möglichst viele Menschen in unserem Land die politischen Dimensionen der Digitalisierung erkennen und verstehen können.

Damit das möglich ist, sind wir auf deine Unterstützung angewiesen. Jeder Beitrag und sei er noch so klein, hilft uns, unsere Aufgabe wahrzunehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Beiträge