Vogt am Freitag: Schwimmhilfe

Für viel Geld will die Stadt Zürich ihre Schwimmbäder mit KI-Kameras ausstatten, um ertrinken zu verhindern. Kolumnist Reto Vogt fragt sich: Wurde hier krampfhaft eine KI-Anwendung gesucht?

KI kann ein Problemlöser sein, daran besteht kein Zweifel. Was aber, wenn eine Organisation gar kein Problem hat? Dann wird halt eins konstruiert: Das Zürcher Sportamt testet aktuell in einem Hallenbad ein KI-System, das ertrinkende Personen erkennen soll, berichtet das Onlinemagazin Tsüri.

Im Durchschnitt ertrinkt in Stadtzürcher Schwimmbädern jede Saison eine Person auf rund 1,5 Millionen Eintritte. Auch wenn jeder Todesfall einer zu viel ist: Das Risiko in einer Stadtzürcher Badi zu ertrinken ist geringer als als regelmässiger Spieler einen Lottosechser zu landen oder mit einem Flugzeug abzustürzen. Denn: In den deutlich gefährlicheren See- oder Flussbädern funktioniert das KI-System nicht.

KIs sind Nicht-Schwimmer

Die Technologie analysiere Bilddaten von Unterwassersensoren und erkenne, ob sich eine Person bewegt oder nicht, heisst es im Tsüri-Bericht. Werde ein «möglicher Ertrinkungsfall festgestellt», würde die Badeaufsicht mit einer Pushnachricht aufs Handy informiert. Detailfragen zum Datenschutz würden noch geklärt, aber: Schwimmende Personen seien weder erkenn- noch identifizierbar. Ich frage mich an dieser Stelle: Wie viele Fehlalarme werden wohl ausgelöst?

Auch zu den Kosten gibt es ein Fragezeichen. Wie viel die Stadt Zürich investiert, will sie nämlich nicht sagen. Andere Städte wie Kreuzlingen oder Bern haben auf Systeme gesetzt, die zwischen 100’000 und 250’000 Franken gekostet haben – pro Hallen- oder Freibad wohlgemerkt. Ohne die Löhne von Bademeister:innen zu kennen, wage ich zu behaupten: Damit kann pro Badi mehr als eine Person Vollzeit angestellt werden.

Möchte die Stadt alle sieben Hallenbäder und alle 18 Sommerbäder mit der Schwimmüberwachung ausrüsten, kostet das gerechnet mit dem gemittelten Preis von 175’000 Franken über 4,3 Millionen Franken. Das ist Geld, mit dem einige zusätzliche Bademeister:innen beschäftigt werden könnten. Und im Unterschied zur KI erkennen diese Ertrinkende nicht nur und schlagen Alarm, sondern können zusätzlich auch schwimmen und Menschenleben retten. Ohne diese geht’s nämlich nicht, wie ein aktueller Fall aus Deutschland zeigt. In Münster konnte ein vierjähriges Mädchen mithilfe eines KI-Systems gerettet werden, schreibt das ZDF.

Konstruierte Probleme wegen KI-Fomo

«Die neue Technik soll die Badeangestellten keinesfalls ersetzen, sondern sie lediglich unterstützen», heisst es derweil vom Sportamt gegenüber dem Magazin. Aussagen wie diese sind immer zu hören, wenn eine Organisation KI einsetzt. Sind sie glaubwürdig? Für mich nicht. Ich prognostiziere: Bademeister:innen übernehmen bei erfolgreicher Einführung des KI-Systems irgendwann zusätzliche Aufgaben, die bisher jemand anderes erledigte. Und diese Personen? «Vielen Dank für Ihren bisherigen Einsatz. Es tut uns leid…».

Für mich ist die Testung von KI-Systemen in den Zürcher Bädern ein typischer Fall von: Alle machen etwas mit KI – wieso wir nicht? Das ist KI-Fomo, die Angst etwas zu verpassen. Dieser Druck, jetzt auch noch etwas mit KI machen zu müssen, kommt meistens von oben. Denn das passiert nicht nur in öffentlichen Institutionen, sondern kommt auch in Privatunternehmen reihenweise vor. Als Folge wird ein Problem konstruiert, das es zuvor nicht gab, um es dann mit KI zu lösen – und um den Verwaltungsrat (oder den Stadtrat) zufriedenzustellen.

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3 Antworten

  1. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist auch ein Gewöhnungseffekt: Wenn BadmeisterInnen sich darauf verlassen, dass die KI aufpasst, ist die Sicherheit der Badegäste danach allenfalls schlechter als heute.

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