Wie sollen Journalist:innen KI einsetzen? Kolumnist Reto Vogt fordert Haltung.
«Journalistisches Schreiben verschmilzt immer stärker mit automatisch generiertem Text», schrieb der Tages-Anzeiger diese Woche in einer hervorragenden Analyse zum KI-Einsatz im Journalismus. Der Tagi hat recht: Bei einem Text lässt sich nicht feststellen, welche Teile davon aus der Feder von KI und welche von einem Menschen stammen. Schon gar nicht mit einem auf Wahrscheinlichkeiten optimierten KI-Tool wie Pangram.
Der Presserat, der KI-Kodex des Verbands Schweizer Medien und die allermeisten Medienhäuser umgehen das Problem, indem sie die Verantwortung der Journalist:innen ins Zentrum stellen. Diese seien für den Inhalt ihrer Texte verantwortlich – that’s it. Sind in einem Artikel alle Fakten korrekt, spielt der KI-Anteil keine Rolle, und bei automatisch sowie ungeprüft publizierten Inhalten weist ein Label auf die KI-Erstellung hin.
Damit bin ich grundsätzlich einverstanden, sehe aber auch ein Problem: Diese Definition ist so weit gefasst, dass sie zu grossen Unsicherheiten bei vielen Journalist:innen führt. Fragen wie «Darf ich einen ganzen Text mit KI schreiben, wenn ich am Schluss die Fakten prüfe?» und viele weitere sind in den Newsrooms dieses Landes allgegenwärtig. Dabei ist die Antwort laut den Richtlinien in den meisten Häusern klar: Ja, das ist erlaubt.
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ToggleKI raus aus dem Schreibprozess
Aber ist es auch schlau, das zu tun? Meine Haltung dazu ist ebenso klar: Nein, ist es nicht. Schreiben ist ein Prozess, der viel Zeit und Mühe kostet. Aber zumindest bei mir ist es auch ein Prozess, der mich zum Denken anregt und der mich auf Ideen oder Aspekte bringt, die mir ohne das Tippen nicht eingefallen wären. Ein guter Text ist nicht nur deshalb gut, weil er sich gut liest, sondern weil jemand dafür gearbeitet, nachgedacht, recherchiert und Fakten geprüft hat. Das kann mit einem Federkiel geschehen, auf der Schreibmaschine, am Laptop und natürlich auch mit Hilfe von KI. Aber es muss geschehen. Das ist die Essenz von Journalismus, und die geht verloren, wenn KI als Denkersatz verwendet wird. Zumindest bei Leitartikeln, Analysen, Hintergrundberichterstattung, Kommentaren, Kolumnen oder Reportagen finde ich: KI hat im Schreibprozess nichts zu suchen.
Das sehen offenbar auch viele Leser:innen so: Der Tages-Anzeiger zitiert aus einer Befragung von 12’000 Personen: Nur 12 Prozent fühlen sich mit Informationen wohl, die zu 100 Prozent von KI generiert sind. Wenn «eine gewisse menschliche Kontrolle» vorgenommen wird, sind es 21 Prozent. Wenn die KI nur unterstützend wirkt, 43 Prozent. Und bei ausschliesslich von Menschenhand erzeugten News sind es 62 Prozent. Das Problem ist nur: Wie soll ein:e Leser:in erkennen, ob ein Text menschengemacht, KI-unterstützt oder komplett KI-generiert ist? Das ist unmöglich.
Leser:innen können auch prompten
Als weiteres Problem kommt hinzu: Was Journalist:innen prompten, können Leser:innen auch. Warum sollte jemand noch für «Journalismus» zahlen, wenn er oder sie ihn gleich selbst prompten kann? Und aus der Perspektive der Journalist:innen gesprochen: Wenn ich einen Text mit KI schreibe, dann unterstreiche ich damit deutlich, was mir meine eigenen Gedanken wert sind: nichts.
Was also tun? Labels nach aussen sind keine Lösung, weil sie nie akkurat abbilden können, welchen KI-Anteil ein Text, die vorangegangene Recherche oder die nachgelagerte Redigatur und Korrektur hat. Ein Label kann dem journalistischen Prozess nicht gerecht werden und wertet ausserdem das Endergebnis aus Sicht der Leser:innen ab, selbst wenn dies von höchster Qualität ist.
Klare Haltung nach innen
Die Lösung liegt also nicht in der Kommunikation nach aussen, sondern in der klaren Haltung nach innen. Vorbildlich machen das beispielsweise die New York Times («Wir benutzen keine KI zum Schreiben unserer Artikel.»), die Financial Times («Unser Journalismus wird weiterhin von Menschen recherchiert, geschrieben und redigiert.») oder der Spiegel («Wir lassen unsere Texte nicht von einer KI schreiben oder umschreiben.»).
Das gibt den Journalist:innen der entsprechenden Medienhäuser die nötige Sicherheit, ihre Arbeit machen zu können. In der Praxis könnte eine Formulierung in einer internen Richtlinie beispielsweise lauten: «Die ersten 70 Prozent jedes Textes schreiben wir selbst, bei der Finalisierung darf die KI helfen.» Es ist essenziell, mit der eigenen Denkarbeit in Vorleistung zu gehen und die KI erst im Anschluss nach Verbesserungsvorschlägen oder Feedback zu fragen. Denn nur so sind die Ergebnisse wirklich brauchbar. Verlange ich von der KI, für mich zu denken und zu schreiben, kommt meist nur generischer, langweiliger und unlesbarer Müll heraus.
Am Ende regelt der Markt
Natürlich ist auch die Gegenposition legitim, mit konträren Richtlinien zur New York Times, Financial Times oder dem Spiegel die Mitarbeitenden zu ermuntern, ihre Texte vornehmlich mit KI schreiben zu lassen. Ich sehe bei dieser Handhabung allerdings die Gefahr, dass viele Artikel dieser Medien austauschbar, langweilig und beliebig werden. Und die Leser:innen diese Entwicklung in Form von Abokündigungen bestrafen. Aber vielleicht bin ich zu skeptisch. Letztlich entscheiden es die Leser:innen, welche Haltung die richtige ist. Oder kurz: Der Markt regelt.
Vogt macht Ferien. Die nächste Kolumne erscheint voraussichtlich am 14. August 2026.


Ein Kommentar
Die Verlage begeben sich damit in Teufels Küche. Wenn KI-generierter Text weit genug verbreitet ist, könnte man argumentieren, dass die Autoren und Verlage kein Urheberrecht mehr am Text haben. Wenn sie dennoch provisorisch Copyright dranschreiben, ohne genau zu spezifizieren, welche Zeile von wem geschrieben wurde, wie man das in einem Open-Source-Projekt tun würde, machen sie sich ggf. sogar strafbar.