Vogt am Freitag: Bauchgefühl

KI-Bilder machen politische Desinformation nicht glaubwürdiger. Sie machen sie emotionaler. Kolumnist Reto Vogt erklärt, warum das gefährlicher ist.

Vor keiner Abstimmung wie der zur 10-Millionen-Schweiz habe ich so viele KI-Bilder gesehen, die Stimmung machten. Tiktok, Instagram und Facebook meide ich persönlich, aber die generierten «Fotos» sind mir sogar auf Linkedin in erstaunlicher Regelmässigkeit begegnet.

Sie suggerieren Chaos und Unordnung, was beides angeblich durch Migration entsteht. Durch das Zeigen von Überfüllung, Kriminalität oder überspitzten Darstellungen erzeugen sie ein Bild der Schweiz, das Ängste verstärken und Menschen zu einem «Ja» zu dieser Initiative bewegen kann und auch soll.

Die meisten dieser KI-Bilder sind nicht besonders gut gemacht. Selbst nicht auf Fake-Erkennung trainierte Augen sehen mühelos, dass kein:e Fotograf:in am Werk war, sondern eine KI. Aber das Perfide daran ist, dass die Fakes trotzdem ihren Zweck erfüllen.

Nicht echt, aber wirksam

KI-Bilder machen politische Desinformation nicht realistischer. Sie machen sie emotionaler, weil es nicht um Tatsachen, sondern um Gefühle geht. Niemand betrachtet ein KI-Fake, das eine überfüllte Autobahn zeigt, und denkt sich: «Momoll, genauso sah es dort heute Morgen aus.» Die Botschaft soll vielmehr sein: «Genau so fühlt sich die Schweiz an.» Und das funktioniert.

Es ist doch so: Selbst gut gemachte Fakes liessen sich entlarven. Zwar nicht (nur) mit technischen Hilfsmitteln, aber mit menschlicher Detektivarbeit. Falsche Zahlen können überprüft und Aussagen nachträglich als falsch nachgewiesen werden. Bei künstlich erzeugten Stimmungen stossen sowohl technische Werkzeuge als auch Menschen jedoch an ihre Grenzen.

Wie widerlegt man ein Gefühl?

Wie beweist man, dass ein Land nicht überfüllt ist? Dass die Zukunft nicht zwangsläufig bedrohlich aussieht? Dass eine Sorge zwar verständlich, aber vielleicht übertrieben ist?

Politische Debatten verschieben sich durch solche Stimmungsbilder von überprüfbaren Behauptungen hin zu emotionalen Eindrücken. Die Bilder behaupten oft gar nicht, eine Realität abzubilden. Sie erzeugen lediglich eine Interpretation einer imaginären Realität.

Die grösste (politische) Gefahr sind deshalb nicht Bilder, die perfekt gefälscht sind. Die grösste Gefahr sind Bilder, die nie den Anspruch hatten, wahr zu sein. Weil sie etwas beeinflussen, das sich mit Fakten nur schwer korrigieren lässt: das Bauchgefühl.

Das fehlt

Aktuell fehlt ein probates Gegenmittel. Die bestehenden Instrumente gegen Desinformation stossen an ihre Grenzen. Faktenchecks, Korrekturen und Gegenargumente funktionieren dann gut, wenn falsche Behauptungen im Umlauf sind. Schwieriger wird es, wenn Desinformation primär auf der Gefühlsebene wirkt. Ein Faktencheck kann nachweisen, dass ein Bild KI-generiert ist. Er kann aber nicht verhindern, dass dasselbe Bild bereits Angst, Wut oder Unsicherheit ausgelöst hat.

Hinzu kommt: Die Social-Media-Plattformen belohnen genau solche Inhalte. Algorithmen optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf Aufmerksamkeit. Wer Emotionen auslöst, erhält Reichweite. Wer differenziert argumentiert, hat das Nachsehen. KI senkt die Kosten für diese Art von Stimmungsmache weiter. Wo früher Geld, Zeit und gestalterisches Können nötig waren, reichen heute wenige Prompts und wenige Minuten.

Mittel- bis langfristig könnte die avisierte Plattformregulierung Gegensteuer geben. Mehr Transparenz über Empfehlungsalgorithmen, strengere Regeln für politische Werbung oder eine bessere Kennzeichnung synthetischer Inhalte wären mögliche Ansätze. Wie das geplante Plattformgesetz hierzulande dereinst aussehen wird, steht noch nicht fest. Genauso wenig ist klar, wann es in Kraft tritt.

Auslöser ist entscheidend

Was kurzfristig bleibt, ist Medienkompetenz. Die einzige Gegenmassnahme, die heute funktioniert, ist ein Publikum, das innehält und sich nicht mehr fragt: «Ist dieses Bild echt?», sondern: «Was soll dieses Bild bei mir auslösen?»

PS: Das ist kein Appell gegen KI-Bilder. Ich nutze sie selbst regelmässig für meine Beiträge auf Linkedin. Der Unterschied ist simpel: Ich verwende KI-Bilder, um Gedanken zu visualisieren. Nicht, um Realitäten zu erfinden oder Stimmung zu erzeugen.

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