Vogt am Freitag: Glashaus

80 Milliarden Dollar Verlust und kein Rücktritt: Mark Zuckerberg beerdigt das Metaverse, um die nächste Ära einzuläuten. Kolumnist Reto Vogt will nicht in das nun drohende Glashaus einziehen.

Es ist so weit: Mark Zuckerberg hat den Stecker gezogen. Horizon Worlds, die VR-Plattform, die das Metaverse für alle erlebbar machen sollte, wird am 15. Juni vom Netz genommen. Zumindest die Version für VR-Brillen. Eine abgespeckte Mobile-App bleibt (noch), mehr als ein Grabstein für das Metaverse ist sie aber kaum.

Das 80-Milliarden-Dollar-Loch

Die Zahlen bei Meta sind atemberaubend schlecht: Seit 2020 habe Metas Reality Labs – die Abteilung, die das Metaverse bauen sollte – über 80 Milliarden Dollar Verlust eingefahren, heisst es bei Watson. Allein im vierten Quartal 2025 betrug der Verlust 6 Milliarden Dollar.

Zuckerberg hatte alles auf diese Karte gesetzt. Er benannte nicht nur seinen Konzern von Facebook zu Meta um, sondern versprach, das Metaverse werde «eine Milliarde Menschen erreichen» und «Hunderte von Milliarden Dollar an digitalem Handel» ermöglichen. «Wir sind überzeugt, dass das Metaverse der Nachfolger des mobilen Internets sein wird», träumte Zuck. Plopp, der Traum ist geplatzt. Das Metaverse kam nie über den Status einer Geisterwelt hinaus, in der sich ein paar IT-Journalisten (Gendern nicht nötig) und bezahlte Influencer:innen aufgehalten haben.

Unkündbar im Silicon Valley

Nicht nur mich erinnerte das Metaverse an Second Life aus dem Jahr 2003. Auch damals eine virtuelle Welt, auch damals grosse Versprechen, auch damals eine kurze Hype-Phase. Auch damals ein Ende mit Schrecken. Für mich waren die Parallelen unübersehbar, weshalb ich an dieser Stelle auf eine Kolumne verweise, die ich im März 2023 auf inside-it.ch veröffentlicht habe. Titel: «Die KI hat das Metaverse gekillt.» Das Metaverse liege «palliativ», schrieb ich vor drei Jahren. Nun, es hat sich seither nie mehr erholt. Auch von der praktisch gleichzeitig mit meinem damaligen Text gegründeten Swiss Metaverse Association habe ich nie mehr etwas gehört. Immerhin: Deren Website gibt es noch!

Womit wir beim eigentlich interessanten Teil dieser Geschichte sind:

80 Milliarden Dollar Verlust. In einem normalen Unternehmen wäre ein CEO, der eine solche Summe vernichtet, nicht mehr CEO. Er würde auch nicht mehr in der gleichen Branche arbeiten. Er würde vielleicht nicht mal mehr in der Öffentlichkeit auftreten. Kein Verwaltungsrat der Welt hätte das toleriert, ausser eben jenem von Meta und wohl auch anderen Unternehmen aus dem Silicon Valley. In den meisten Big-Tech-Konzernen sind die Gründer praktisch unkündigbar. Das Silicon Valley hat sich eine Governance-Struktur gebastelt, in der Verluste als «Investitionen in die Zukunft» gelten, solange der Aktienkurs stimmt. Und bei Meta ist das der Fall, weil die Gewinne aus dem Werbegeschäft jede Fehlinvestition absorbieren und der Konzern es sich dadurch leisten kann, nebenbei 80 Milliarden zu verbrennen.

Was kommt jetzt? KI natürlich. Zuckerberg sagt, er könne sich kaum eine Welt vorstellen, in der die meisten Brillen nicht KI-Brillen seien. Wir haben diesen Satz schon gehört. Nur hiess das Produkt damals anders. Ich tippe bei den Brillen auf eine ähnliche Entwicklung wie beim Metaverse.

Vom Geisterhaus zum Glashaus

Und falls nicht – falls die KI-Brille tatsächlich die Zukunft sein sollte – dann sollte man wissen, was diese Zukunft bedeutet. Das Svenska Dagbladet veröffentlichte im Februar 2026 eine Recherche, für die die Journalist:innen mit Mitarbeitenden von Sama sprachen, einem Subunternehmer von Meta in Nairobi. Diese Mitarbeitenden sichten Videoaufnahmen aus den KI-Brillen für Trainingszwecke. Ihr Fazit: «We see everything – from living rooms to naked bodies.»

Das Metaverse ist gescheitert, weil niemand hineinwollte. Die KI-Brille muss scheitern, weil alle wie in einem Glashaus hineinschauen – nur von der falschen Seite.

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