Google baut seine KI «Gemini» in Chrome ein. Kolumnist Reto Vogt hält das für einen Grund, den Browser nicht mehr zu nutzen.
«Gemini fasst die wichtigsten Punkte für dich zusammen, erklärt Konzepte und gibt dir Antworten auf deine Fragen – alles basierend auf dem Inhalt deiner geöffneten Tabs.» So preist Google die Integration seiner KI in den Chrome-Browser an, die vorerst testweise für «alle berechtigten Mac- und Windows-Nutzer in den USA eingeführt» wird.
Das dürfte für die meisten Nutzer:innen nach einem normalen Software-Update klingen, aber es ist viel mehr als das. Faktisch wird Chrome mit diesem Update zu einem anderen Produkt, einem KI-Browser. Über diese Software-Kategorie habe ich an dieser Stelle bereits geschrieben – und die Risiken aufgezählt, die bei der Nutzung entstehen.
Mehr als ein Software-Update
Kurz zusammengefasst: KI-Browser protokollieren jeden Klick, jede Eingabe, jede besuchte Seite und alle angezeigten Inhalte und merken sich den jeweiligen Kontext. Während andere KI-Tools ohne Login oder mit anonymisierten Mailadressen genutzt werden können, weiss Chrome bereits, wer wir sind – schliesslich sind die meisten permanent mit ihrem Google-Konto eingeloggt.
Sobald Chrome das Gemini-Update lädt, hat die KI direkten Zugriff auf unser gesamtes digitales Leben: unsere E-Mails in Gmail, unsere privaten und geschäftlichen Termine im Kalender und unsere persönlichsten Dokumente in Drive. Google kann ab diesem Zeitpunkt das Surfverhalten von Nutzer:innen in Echtzeit mit ihrer jeweiligen gesamten Historie verknüpfen und davon lernen.
Kontostände und private E-Mails
Und nicht nur das: Im Privacy Hub des Konzerns heisst es, dass alle Bildschirminhalte sowie Fotos und Seiteninhalte, die Nutzer:innen über den Browser teilen, genutzt werden. Beispielsweise um Dienste zu verbessern, zu personalisieren, anzupassen oder neue Dienste zu entwickeln. Und Google-Mitarbeitende – in den AGB heissen sie «Prüfer» – haben das Recht, die Daten einzusehen.
Damit mutiert der Browser endgültig zum indiskreten Mitwisser. Was früher lokal auf dem Rechner blieb, wandert nun zu Google. Wer in einem Chrome-Tab über seine Steuererklärung brütet oder im anderen ein vertrauliches Strategiepapier für sein KMU entwirft, muss sich bewusst sein: Der Staubsauger läuft. Und am anderen Ende der Leitung sitzt im Zweifelsfall ein Mensch im Silicon Valley, der mitliest.
Mit der KI-Integration von Gemini in Chrome weiss Google künftig nicht mehr nur, was Nutzer:innen suchen, sondern auch was sie lesen. Und kennen ihren Kontostand, und private E-Mails, und Arbeitsverträge, und heimliche Rendez-vous, und, und, und. Oder aus Sicht des Konzerns: Alles, was über den Bildschirm flimmert, wird (potenziell) zum Futter für die KI und verbessert das Targeting für seine Werbekunden. In jedem Fall monetarisiert der Konzern die privatesten Informationen seiner Nutzer:innen.
Good-bye Chrome
Google baut Chrome zum ultimativen Fangnetz um. Der Browser mit Gemini-Integration ist nicht dazu da, uns das Lesen zu ersparen oder Dinge bequemer zu machen, sondern um sicherzustellen, dass kein Bit unseres Verhaltens mehr ungenutzt bleibt und dass Umsätze sowie Dividenden an Investor:innen weiterhin nachhaltig steigen.
Die Bequemlichkeit ist der Köder, der Staubsauger die Realität. Mein Standard-Browser ist seit längerem Vivaldi. Spätestens wenn die Gemini-Version von Chrome zu uns kommt, ist es Zeit für das definitive Good-bye.

